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Erstes Wiener Heimorgelorchester

»wo sind die blumen gebleibt«

OHM Records, Hoanzl

Nach über dreißig Jahren Heimorgel-Handarbeit liegt nun endlich »das weiße Album« vor. Wer nach wie vor am Großformat der Langspielplatte festhält, wird das minimalistische Design des Kulturmenschen Michael Atteneder bemerken. Ein Insider: Die Innenhülle der LP wurde anscheinend beim Verpacken verdreht (passend zum Enpacking des Albums der Song: »dreh es einfach um«). So erscheinen die Blüten (piktogrammatisch bedrohlich wie das Trommelmagazin eines Revolvers) schon am Cover, wo sie doch als Überraschungseffekt unbemerkt die Rückseite der Innenhülle verzieren sollen. Warum das alles erwähnen? Weil es beim Ersten Wiener Heimorgelorchester viel um Mogelpackungen geht (z. B.: niemand der Vier-Mann-Formation ist ursprünglich aus Wien). Ist es nun ein Literatur-Musik-Projekt oder doch eher ein Musik-Literatur-Projekt? Ist der Sound mehr als mittelmäßig? (Antworten darauf finden sich auch in einem mica-Interview: »Heute klingen unsere Songs eher liedermäßig«, so ein O-Ton von Daniel Wisser, oder wie der Bruder Florian Wisser zu wissen vermeint: »Der Sound unserer Musik ist Fluch und Segen zugleich«, oder der Hauptsänger Thomas Pfeffer zum eher homogenen Genre des Kontextalbums: »Dabei bietet sich der Schlager an, weil die Orgeln diesem relativ nahestehen«, und Jürgen Plank assoziiert: »Also mir hat zum Beispiel Hermann Leopoldi immer gefallen«. Man sieht, der Versuch der Vermeidung von Fußnoten führt zu in Klammern gesetzten Anmerkungen, die schon mal fast die Hälfte der Gesamttextmenge ausmachen können). Die sympathischen Rechthaber(er) haben Altherrenschmäh feinfühlig wortverdreht in »Nieder«-Schlager kondensiert. Musik als fröhliche Wissenschaft des Sprechgesangs rieselt angenehm intellektuell auf die graue Substanz hernieder. Die Sickertexte in Hochdeutsch massieren das von Multikrisen verunsicherte mitteleuropäische Mindset aufs Angenehmste, die lyrische Bewässerung düngt die vom dehydrierenden, kunstfeindlichen Alltag ausgelaugte Leiblichkeit: Es gibt Tango mit Text, es gibt einen Melisma-Song wie »oho sahara«, vieles im Vier-Viertel-Takt, einen Opener im Drei-Viertel-Takt und gleich darauf einen »walzer im  viervierteltakt«. Und wer mit dem allem nichts anfangen kann, den Albumtitel »wo sind die blumen gebleibt« irgendwie unlustig findet und auch einem Hochkultur-Gstanzl nichts Erheiterndes abgewinnen kann, der möge doch bitte das Erste Wiener Heimnörgelorchester gründen. Aber bitte nicht in Wien.

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