Black Monument Ensembe © International Anthem

Hymnen von Bedeutung

Das Chicagoer Label International Anthem Recording Company zählt mit seinen Veröffentlichungen nach wie vor zu den spannendsten, wenn es um Jazz & More mit Message geht. Hier eine würdigende Bestandsaufnahme anhand der letzten Releases.

Groß war die Begeisterung, als vor einem Jahr das zweite Album der Irreversible Entanglements, »Who Sent You?«, erschien. Die Kollaboration von Vokalistin/Poetin Camae Ayewa aka Rapperin Moor Mother mit Keir Neuringer (Sax), Aquiles Navarro (Trompete), Luke Stewart (Bass) und Tcheser Holmes (Drums) klang 2020 so fordernd und fokussiert im Spirit, so frei und frisch im Sound, wie es einst das Ornette Coleman Quartet in derselben instrumentalen Besetzung zelebriert hatte: »The Shape Of Jazz To Come«! So frohlockte es in den Linernotes: »The punk-rocking of jazz and the mystification of the avant-garde, a sci-fi sound from that out-of-soul-fire jazz quintet … a reminder of the forms and traumas of the past, and the shape and vision of Afrotopian sounds to come.« In der Zwischenzeit reichen die sprichwörtlichen Verflechtungen der Irreversible Entanglements noch weiter. Moor Mother nahm mit dem New Yorker Rapper Billy Woods ein abermals bemerkenswertes Album auf: »Brass« (Backwoodz Studioz).

Aquiles Navarro & Tcheser Holmes: »Heritage Of The Invisible II«
Andere Entanglements konzentrierten ihre Kreativität im Duoformat. Wenn der Trompeter und der Drummer gemeinsame Sache machen, darf man sich stellenweise an Don Cherry und Ed Blackwell (z. B. »Mu«) erinnert fühlen. Im Opener jedoch läutet Tcheser Holmes’ vibrierende Bell Ride die »Initial Meditation« ein. Und Aquiles Navarro lässt mit Freude einen Moog Grandmother-Synthie brummen. Im weiteren Verlauf des Albums kommt auch ein Roland Juno 106 zu Ehren. Und mit dem Pianisten Nick Sanders und dessen Improvisation »M.O.N.K (Most Only Never Knew)« erweitern sie sich zum Trio. Am eindruckvollsten jedoch bleibt das Zusammenspiel von Holmes’ treibendem, gerne auch mal hart perkussivem Drumming und Navarros Trompetenspuren, die er stellenweise auch mit Echo elektrifiziert. Freilich ist der aus Panama stammende Trompeter auch Latin-Harmonien nicht abgeneigt. Ragte damit schon auf »Who Sent You?« Navarros »No Más « heraus, so ist sein »Pueblo« der kleine Hit dieses abwechslungsreichen Albums, das im September 2020 veröffentlich wurde. Und es war kein formaler Akt der Höflichkeit, wenn allen musikalisch Beteiligten neben der Aufzählung ihrer Instrumente auch »Imagination« bescheinigt wurde.

Rob Mazurek Exploding Star Orchestra: »Dimensional Stardust«
Bleiben wir bei den Blechbläsern mit großer Vorstellungskraft, die ihre Finger gerne auch auf den Tasten und an den Reglern von elektrischen und elektronischen Klangerzeugern bewegen. Der multidisziplinär arbeitende Künstler, Komponist und Kornettist Rob Mazurek zählt nicht nur zu den einflussreichsten Chicagoer Musiker*innen der letzten 30 Jahre. Auch International Anthem ist er von Anfang an verbunden. Nach dem »Fall 2014 Sampler« war Mazureks »Alternate Moon Cycles« das erste Album auf dem von Scott McNiece und David Allen frisch gegründeten Label: IARC 0001. Als zweites Album erschien Makaya McCravens »In The Moment«, auf das der legendäre »Worldwide«-Radio-DJ Gilles Peterson aufmerksam wurde und fortan maßgeblich zum Bekanntheitsgrad des Drummers sowie des jungen Labels beitrug. 2020 erschien mit »Beings E&F Sides« ein Nachtrag zu seinem gefeierten Tonträger »Universal Beings« aus 2018. Und nun ist auf »In The Moment« auch ein gewisser Jeff Parker an der Gitarre zu hören. Und der spielte ja nicht nur bei Tortoise, sondern auch in Rob Mazureks Chicago Underground Collective und Isotope 217.

International Anthem öffnete sich also von Anfang nicht nur afroamerikanischen Spielarten von Jazz und Black Music, sondern positionierte sich auch als Schnittstelle für diverse Verknüpfungen mit zeitgenössischer Komposition und Postrock. Parker, der regelmäßig auf International Anthem veröffentlicht, ist auch einer der zwölf Musiker*innen von Mazureks Exploding Star Orchestra, die »Dimensional Stardust« getrennt von- und nacheinander aufgenommen haben. Für die Nachproduktion mit dem Editieren der Tracks brauchte es drei Monate. Und so klingt das Resultat dieses kompositorischen Konzepts stellenweise auch etwas steif konstruiert. Ein Highlight wie »Parable Of Inclusion« sowie Damon Locks’ Wortspenden verführen allerdings zum Close Listening dieses im November 2020 erschienenen Albums. Mit von der Partie sind u. a. auch Mazureks und Parkers langjähriger Schlagzeugpartner Chad Taylor, Mats-Gustaffson-Freund Ingebrigt Håker Flaten am Bass sowie die Trompeterin Jaimie Branch.

Dezron Douglas & Brandee Younger: »Force Majeure«
Nach dem orchestralen Vergnügen darf es auch wieder eine kleinere Formation sein. Bassist Dezron Douglas und Harfenistin Brandee Younger haben während des ersten Lockdowns zwischen März und Juni 2020 immer wieder Sessions aus ihrem Apartment in Harlem gestreamt. Unter den für dieses Album ausgewählten Aufnahmen finden sich beseelt-schöne Interpretationen von u. a. Alice Coltranes »Gospel Trane« – Younger wurde 2007 von Ravi Coltrane selbst eingeladen, zu Alices Gedenken zu spielen –, John Coltranes »Equinox« und »Wise One« sowie Kate Bushs »This Woman’s Work« und (hüstel) Stings »Inshallah«. In dieser reduzierten Saiteninstrumentierung lassen sich sogar alten Standards neue Seiten in einnehmend warmer Atmosphäre abgewinnen. Die beiden vielgefragten Musiker*innen wissen genau, was sie können. Und genau deshalb genießen sie es hörbar, ohne Perfektionszwang in den eigenen vier Wänden zu performen. Die Sessions sowie das Album beschlossen Douglas und Younger mit einer Eigenkomposition, deren charmanter Titel auch Erinnerungen an hiesige Hamsterkäufe weckt: »Toilet Paper Romance«. Unter den mittlerweile auch schon zahlreichen die Pandemie selbst in irgendeiner Weise thematisierenden Alben – unlängst erschien z. B. das eher laue »Lockdown« von Courvoisier/Rothenberg/Sartorius –, ist »Force Majeure« auf jeden Fall ein Highlight. Und Douglas’ Statement »Black Music can only be created, not replicated« führt uns direkt zu einer ganz besonderen Labelkollegin.

Angel Bat Dawid & The Brothahood: »Live«
Unter den durchwegs großartigen Musiker*innen, die auf International Anthem veröffentlichen, ist die Klarinettistin, Keyboarderin und Sängerin Angel Bat Dawid wohl eine der schillerndsten und wortgewaltigsten Persönlichkeiten. Wenn es jemandem gelingen sollte, selbst Sun Ra zu entpatriarchalisieren, dann wohl ihr. Sein frühes Meisterstück »Enlightenment« erstrahlt als Opener auf »Live« im neuen Glanz von Female Black Power. Einige weitere Stücke stammen von Dawids Debüt »The Oracle«, auf dem sie alle Instrumente selbst eingespielt hatte. Gemeinsam mit ihrer Brothahood hauptsächlich am 1. November 2019 am Jazz Fest Berlin aufgenommen, gewinnen die Liveversionen nochmals an Kraft. Leider widerfuhr Angel Bat Dawid in Berlin auch mehrfach respektloses Verhalten, wie in den Linernotes nachzulesen ist. Ihren Zorn über »intellectual and structural racism that is still a rampant and ugly beast, especially in the European music world« transformierte sie in musikalische Energie.

»What Shall I Tell My Children Who Are Black?«, fragt Dawid mit ergreifender Stimme. Es bleibt brandaktuell. Die Nachricht, dass der Polizist, der George Floyd so grausam ermordet hatte, in erster Instanz in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen wurde, erlaubte ein kurzes Aufatmen. Es war »Gerechtigkeit, die um einen schmerzlichen Preis erlangt wurde«, wie der Anwalt von Floyds Familie sagte. Aber noch an demselben Tag wurde von einer erst 15-jährigen Afroamerikanerin berichtet, die den tödlichen Schüssen der Polizei in Columbus, Ohio erlag. Nur wenige Tage danach wird in North Carolina ein Afroamerikaner durch einen Schuss in den Hinterkopf von der Polizei getötet. Wenn Angel Bat Dawid live mit überwältigender Intensität deklamiert »Black family is the strongest institution in the world!« – sitzend, stehend, kniend, am Boden liegend, sich wieder erhebend – und dabei ihre Klarinette mit unbeugsamer Geste emporstreckt; dann möchte man glauben, dass diese Kraft selbst die Kugeln aufhalten könnte, mit denen die Polizei auch Bagatelldelikten von Afroamerikaner*innen mit mörderischer Unverhältnismäßigkeit begegnet.

Selbstverständlich artikulieren sich in der von Dawids beschworenen »Black Family« die spezifischen von People of Color geteilten Erfahrungen des Rassismus. Aber gerade weil die so evozierte kollektive Identität politisch verstanden wird, erweist sie sich als inklusiv, anschlussfähig für die Solidarität von Menschen, die keine BIPOC sind. Das zeigt sich in der Unterstützung für die Black Lives Matter Bewegung ebenso wie in Angel Bat Dawids Brothahood, in der auch nicht alle Musiker Schwarz sind. Die beiden weißen Labelbetreiber David Allen und Scott McNiece sind sich wiederum ihrer verantwortungsvollen Rolle bewusst, die sie in einer von Ausbeutung der Schwarzen Künstler*innen durch weiße Labelbosse historisch belasteten Branche haben. Dawid ist voll des Lobs für die beiden: »The best thing about being on this label is, they let me be myself. I’m serious. They just let me be myself!«

Damon Locks / Black Monument Ensemble: »Now«
Dawids Klarinette ist übrigens auch auf dem Track »Into The Ice Age« des aktuellen Notwist-Albums »Vertigo Days« zu hören, das mit Ben LaMar Gay noch einen weiteren International-Anthem-Artist featured. So funktioniert also auch die transatlantische Jazz-Postrock-Connection. Zurück in der Windy City spielt Angel Bat Dawid auch im ursprünglich von Damon Locks initiierten Black Monument Ensemble. Dessen neues Album »Now« wurde bei skug bereits gewürdigt. Allen widrigen pandemischen und (sonstigen) politischen Umständen zum Trotz lautet die Botschaft: »Keep Your Mind Free«! Wie bei Angel Bat Dawid, Makaya McCraven und anderen International-Anthem-Releases schwingt, swingt und klingt da jede Menge vom Besten der Black-Music-Traditionen mit: von Sun Ra und Max Roachs »We Insist!« über Nina Simone, Sly & The Family Stones »There’s A Riot Goin’ On«, Archie Shepps »Attica Blues«, Maulawi Nururdin, Art Ensemble Of Chicago, Gil Scott Heron (Makaya McCraven »reimaginierte« dessen letztes Album kongenial als »We’re New Again« 2020) bis zu Saul Williams und so vielen, vielen anderen.

Ebenso wichtig wie die Musik sind im kollektiven Konzept des Black Monument Ensembles der visuelle Ausdruck im Artwork, in den Videos und in den Performances der Tänzerinnen von Move Me Soul. Zeitweise umfasste das Ensemble generationenübergreifend Mitglieder von 9 bis 52 Jahren. Und Damon Locks zeichnet sich sowohl mit prägnantem Pinselstrich als auch mit Collagen für das Artwork des Ensembles, der Irreversible Entanglements, von Makaya McCraven u. a. verantwortlich. Über das aktuelle Video zu »Now« sagt Locks: »The video captures the artistic other worldliness that can be invoked through sound and visuals, yet the reality of the present danger of Covid can be seen in the masks everyone has. It is my hope that the video feels rooted in our reality but suggests that we have the materials to manifest something new in the immediate.«

The Way Ahead
Neues auf International Anthem verspricht nun auch der Mai. Neben den vergleichsweise kontemplativ-fließenden Ambient-Improvisationen von Carlos Niño & Friends auf »More Energy Fields, Current«, darf man besonders auf das »Fly or Die Live«-Album der grandiosen Trompeterin Jaimie Branch gespannt sein. Aufgenommen am 23. Jänner 2020 in Zürich, werden darauf Stücke ihrer beiden auf International Anthem erschienenen »Fly or Die«-Alben zu hören sein. Branchs »Prayer For Amerikkka« bleibt schaurigerweise auch in der Post-Trump-Ära ein unverzichtbares Statement.

Der gesamte Katalog von International Anthem (Vertrieb !K7) kann hier nachgehört werden: https://intlanthem.bandcamp.com/