Jamie Branch © Peter Gannushkin

Death is not the end

International Anthem Recordings hält konsequent einen hohen Qualitätslevel. Das verdeutlichen aktuelle Tonträger von Carlos Niño, Daniel Villarreal, Anteloper feat. die im August verstorbene Jamie Branch und »uncut 1970ies funk« des Chicagoer Soul-Songwriters Charles Stepney.

Die Headline verweist darauf: Haben Künstler*innen das irdische Zeitliche gesegnet, besteht ihr Werk auf verschiedene Weise fort. Wenn sich die Trends ändern und der Berühmtheitsgrad zu wenig hoch war, oft nur dank der Pflege des Nachlasses durch engere Verwandte. Insofern ist es eine historisch wichtige Großtat, das mit wenig Zierrat versehene Kompositionswerk von Charles Stepney, verstorben 1976, Interessierten zugänglich zu machen. Bei kürzlich aus dem Leben gerissenen Musiker*innen ist Editierarbeit von Unveröffentlichtem weniger ein Problem und es wird sich im traurigen Fall von Jamie Branch weisen, welche Tonträger posthum publiziert werden. Jedenfalls passt die nur 39 Jahre alt gewordenen US-Amerikanerin perfekt zur Agenda des Chicagoer Labels International Anthem, das auch mit den Tonträgern von Daniel Villarreal und Carlos Niño auf der Höhe der Zeit bleibt.

Jamie Branch (1983–2022)

Anhaltendes Betrübtsein. Es ist schwer zu verwinden, dass am 22. August 2022 eine der größten Trompetenstimmen der Jetztzeit ihr Leben in ihrem Zuhause in Brooklyn aushauchte. Auch International Anthem gab die Todesursache nicht bekannt. Unter anderem ist Jamie Branch mit dem Exploding Star Orchestra, TV On The Radio und Matana Roberts aufgetreten und machte sich einen Namen mit ihrer Band FLY or DIE. Ihr grandioses Werk wird bleiben, etwa ihr denkwürdiges zweites Soloalbum »FLY or DIE II: bird dogs of paradise« mit dem episch-wütenden »Prayer for Amerikka pt. 1 & 2«, das die Trompeterin, Komponistin, Denkerin und Immer-mehr-Sängerin in Hochform zeigt.

Nachzurufen gilt es mit Anteloper, ihrem Duo mit Drummer Jason Nazary, mit dem sie bereits in ihren Teenager-Jahren in Boston jammte. Beide sind Meister im Interfacen ihrer Electronics mit ihren Instrumenten und zeigen sich u. a. von Sun Ra, Mouse on Mars, Autechre, J Dilla, Moor Mother und Harriet Tubman beeinflusst. Das im Sommer 2022 veröffentlichte Anteloper-Album »Pink Dolphins« zeigt das Duo, auch weil Produzent Jeff Parker, quasi als drittes Bandmitglied fungiert, in höchster Blüte. Parker hat Loops von Improvisationen von Branch/Nazary extrahiert und steuerte für »Earthlings« ein Kenny-Burrell-eskes Gitarrenspiel bei. In diesem dadaistischen Sci-Fi-Slowblues versprühen die oft repetierten Vocals von Branch, die auf ein Beziehungsende anspielen, Lebensfrohsinn: »… Make you / Make sense / It Makes Sense …«.

Punk-Sozialisation findet bei Anteloper ebenso ihren Niederschlag und Jazz und visionäre Electronics gehen eine hörenswerte Liaison an. Basslastig HipHop-Inspiriertes und Tropicalia-Einflüsse treffen auf fantastische Eigenbrau-Psychedelia. Da muss eine neue Genrebezeichnung her. Aquadelic! Nicht umsonst zeigt das Cover (gestaltet von Jamie Branch mit John Herndon von Tortoise) rosarote Amazonas-Delfine aus der kolumbianischen Heimat von Branchs Mutter. Und tatsächlich sind auch Anteloper ähnlich anpassungsfähig und bewegen sich durch vielerlei Soundgewässer. Besonders schön gerät das in Spektralfarben strahlend elegische Albumfinale »One Living Genus«. Zunächst lassen Branchs Trompetensounds sowohl an Miles Davis als auch Don Cherry denken und allmählich wird mit orgeligen MS20-Drones in einen jenseitigen Aggregatszustand ausgefadet. Jamie, dieses Vermächtnis, deine spielerische Eloquenz sollten ewig in Erinnerung bleiben!

Charles Stepney (1931–1976)

In Erinnerung rufen Eibur, Charlene und Chanté, die Töchter von Charles Stepney, ihren 1976 verstorbenen Vater. Nach seiner glanzvollen Studioarbeit für Chess Records (Minnie Riperton, Marlena Shaw, Terry Callier, Muddy Waters, Howlin Wolf …) in den 1960er-Jahren erwies er sich anschließend als gewiefter Bläser- und Streicherarrangeur. Als »Baroque Soul« ging dieser episch-orchestrale Veredelungsprozess in die Musikhistorie ein. Aufnahmen der R&B- und Gospel-Sängerin Deniece Williams oder vom am 12. September 2022 87-jährig verstorbenen Jazzpianisten Ramsey Lewis bezeugen seine Gabe. Zu hören etwa auf Lewis’ Album »The Piano Player (1970), coproduziert und arrangiert von Charles Stepney und Richard Evans. Posthum wird Stepney, gesamplet von HipHop-Größen wie A Tribe Called Quest, Fugees, Madlib oder Kanye West, der Wunsch, ein Soloalbum zu veröffentlichen, erfüllt. »Step on Step« fährt allerdings nicht mit Opulenz auf, sondern mit Essenz: 23 Songs als prototypische Songwritermusik im Rohzustand, von Ayana Contreras, einer Chicagoer Kulturhistorikerin und Autorin der Liner Notes, »uncut funk« getauft.

Rohjuwelen, zum Teil Ausgangsbasis für aufwändige Studioproduktionen. Etwa »That’s The Way of The World«, »Imagination« und »On Your Face« für Earth Wind and Fire oder »Gold«, das einst die Rotary Connection als »I Am The Black Gold of The Sun« erstrahlen ließ. Delikat entfaltet Stepney die Originalmelodien am Fender Rhodes oder Moog-Synthesizer. Magischer Lo-Fi-Soul. Charles Stepney, ein Genie, von seinen Töchtern dem Vergessen entrissen. Sie haben die Tonbandspulen, die ihr Vater im Keller ihres Hauses hinterlassen hat, mehrfach übertragen und die Aufnahmen ursprünglich für eine CD in limitierter Auflage auf ihrem eigenen DIY-Label (The Charles Stepney Masters) in den frühen 2010er-Jahren kompiliert. Nun, anno 2022, ist International Anthem, samt eingestreuter Oral History der Stepney Sisters, eine globale Wiedererweckung gelungen.

High sein mit Carlos Niño & Friends 

Im Gleitflug aus dem Jenseits sinken wir beschaulich zurück in die Gegenwart. Titel wie »Mushroomeclipse« (eingespielt mit lasos) machen allein schon vom Zuhören stoned. Sofort kommt mir eine Querverbindung zu Clandestine Label Services in den Sinn und tatsächlich hat Carlos Niño die Alice-Coltrane-Hommage »Everyone’s Children« von Surya Botofasina produziert. Dieses meditative Floaten kommt erst im November 2022 raus, einstweilen berauscht ohnehin Niños Soloalbum »Extra Presence«. Nicht umsonst kommen die Freunde des Kaliforniers aus der Musikszene von Los Angeles. Gleichsam ist das eine Himmelfahrt, die spirituelle Aufladung mit Synthesizern, Glocken, Gongs etc. »Youwilgetthrougthis with Koto« lässt die japanische Wölbbrettzither grundieren und »Dreamsishappening« (feat. Shabazz Palaces, Jamael Dean and Sharada) bringt die ersehnte Erdung. Shabazz doziert, es zischelt und im Hintergrund argwöhnen gospelige Choräle. Eine mystische Aura macht sich breit.

»Extra Presence« ist dabei nicht wirklich extraterrestrisch, sondern fordert das Bewusstsein heraus. »Luis’ Special Shells« beamt gleich darauf in eine subaquatische Welt. Ja, diese Scheibe ist nicht ganz von dieser Welt, aber ein Meilenstein in Sachen spiritueller Musik. »Extra Presence« verkörpert eine Daseinserfahrung, die Niño mit lasos im Marin Forest in Katalonien machte und drückt Ewigkeit via Klang aus. Carlos Niño & Friends öffnen mit dieser 90-minütigen Kompilation von 17 Tracks – eine erweiterte Ausgabe einer 10-Track-Suite, 2020 exklusiv auf Bandcamp veröffentlicht – Türen ins Meditative. Diese Collage aus improvisatorisch dargebrachten Space Sounds ist einzigartig und dank einer Vielzahl an Mitmusiker*innen divers. Erwähnt sei unbedingt noch die Kollaboration mit Laraaji: »Amazonian Pulse« ist gleichfalls ein Track mit Ewigkeitsanspruch.

Beflügelnder Daniel Villarreal

Via »Panamá 77«, dem Album, das Geburtsland und -jahr von Daniel Villarreal markiert, hanteln wir uns weiter zu avanciertem Latin-Hörgenuss. Perkussives Interplay galore, in einigen Line-ups, in denen meist Jeff Parker an der E-Gitarre Nuancen setzt. Schwergewichtig sind auch die Beiträge von Aquiles Navarro (Irreversible Entanglements) als sophisticated Bläser für den spacigen Funkdub »Uncanny« und Marta Sofia Honer mit ihren Viola- und Geigenparts. Honer schrieb die Streicherarrangements für einen bezaubernd leichtfüßigen Track symphonischer Art: Geigen und Bratschen beflügeln in »Cali Colors«.

Auch in »18th & Morgan« kommen die Streicher zur Geltung, wenngleich in einer dezenter wirkenden Umrahmung, wo smoothe Piano- und Synthiesounds jazzy Akzente setzen. Villarreal und Produzent Dave Vettraino haben aus mehreren Sessions die Essenz destilliert und zu einer elektrisierenden Mixtur gefunden. Während in seiner Stammband Santos eine Sängerin nicht wegzudenken ist, erklingen auf »Panamá 77« hauptsächlich instrumentale, sommerlich-leichte Melodien, die u. a. in der panamaischen Folklore, aber auch in Jazz und Funk fußen. Durch pfiffige Spielweisen wie in »Ofelia« bekommen die Stücke wie von selbst psychedelische Sahne beigemischt. Das Zusammenwirken von Improvisation und Intention gebiert bei Villarreal kollaborativen Spirit, mit großer Freude dargebracht. Schön, dass sich dieses Glücksempfinden gar so wunderbar auf die Hörer*innen übertragen lässt.

Link: https://www.intlanthem.com/