Johnny Batard © Brisilda Bufi
Johnny Batard © Brisilda Bufi

Magischer Gitarrensoundkosmos

Unbekümmertheit und scheinbare Naivität waren einst ein Markenzeichen von Jonathan Richman & The Modern Lovers. Man kommt nicht umhin, auch anlässlich der fabulösen Tonträger »Calimero« (Album) und »Uh Tata!« (EP) des Grazers Johnny Batard an den Gitarrensound von New Yorker Musikgrößen zu denken.

Johnny Batard spielte 2020 vor einem längeren Lockdown ein famoses Salon-skug-Konzert (und gab skug im Vorfeld ein Interview). Keineswegs aber ist der Grazer mit seiner die Gitarren singen lassenden Band seither von der Bildfläche verschwunden. Wer nach Batard sucht, findet z. B. das reizvolle »Alaska« aus 2022, ein stürmisch-drängendes Lied, dass die Kälte des US-Bundesstaates toll rüberbringt, auf dem Sampler »Sing Sang Song 2« (Pumpkin Records) oder die 2021 erschienene EP »Uh Tata!«, die damals zwar registriert wurde, aber nicht auf skug.at rezensiert. Deshalb sollen nun, beinahe zwei Jahre später, sowohl diese EP als auch das wunderbare, im April 2023 erschienene zweite Album »Calimero« genau seziert werden. Es lässt sich nämlich mehr als Erbauung draus schöpfen, denn Zeilen wie »Ich glaube an eine Zukunft / Aber nicht an den Menschen« stimmen durchaus nachdenklich. Näheres nun in gleich zwei ausführlichen E-Mail-Interviews mit Johann Zuschnegg alias Johnny Batard.

Bemerkenswert, und deshalb keineswegs zu unterlassen, ist das Bindeglied zwischen EP und zweitem Album. Gemäß Johnny Batard himself folgte »Uh Tata!«, erschienen im Sommer 2021, als »kleines, aber feines Sequel« seines Debütalbums »What Do You Want Me To Say?« soundtechnisch und inhaltlich einem schmalen Grat zwischen Gleichgültigkeit und erfrischender Tiefe. Deswegen werden die nun wieder aufgetauchten, aus unverzeihlichen Gründen verschwundenen Fragen und Antworten zu »Uh Tata!« aus 2021 entmottet. 

skug: »Uh Tata!«, heißt eigentlich was? Und lässt gleich daran denken, dass Dadaismus als mutmaßliche Inspirationsquelle fungiert?

Johnny Batard: Mein »Uh Tata!« kann man schon gut an Dadaismus angleichen, mit »Uh Tata!« wollte ich mein eigenes Schlagwort, Symbol kreieren, meinen eigenen Ausruf, meine eigene Wortkreation. Im Kopf hatte ich auch Goethes Ballade »Der Zauberlehrling«: Johnny Batard als der ewige Lehrling, der Versuch, sich selbst (ständig) zu behaupten, Auflehnung gegen die Autorität, Anfechten gegen die Ordnung aller Dinge, aber Übermut führt zu Chaos, »Die Geister, die ich rief« …

Der Auftakt-Song »Something Clever« könnte ein Statement sein gegen die Unfähigkeit der Menschheit, der den Klimawandel beschleunigenden Globalisierung samt Konsumwahn und autoritären Regierungen keine Beschränkung bzw. kein Stopp auferlegen zu können.

Ich bin mit deiner Interpretation sehr happy! Für mich bedeutet das auch: Wir »wissen« alles, sehen die Welt mit ihren Problemen, meinen auch die Lösungen dazu zu kennen, allerdings bleibt’s (meist) nur beim Betrachten der Dinge.

Generell scheint mir »Uh Tata!« sowas zu sein wie Dadaismus. Damals fungierte Dadaismus als Gegenreaktion gegen das Morden im Ersten Weltkrieg. Sehr sympathisch sind mir solche Oblomovs im zweiten Lied »Do It Again« und es ist fein, wenn du auch einer bist.

Auf »Do It Again« kommt der Lehrling wieder ins Spiel, allerdings finde ich den Oblomov-Vergleich wunderbar, vielleicht sind er und der »Zauberlehrling« gar nicht so verschieden.

Darauf folgt mit »Didn’t Mean It Like That« wohl ein absoluter Anti-Love-Song? 

»Didn’t Mean It Like That«, ein reiner Anti-Love-Song? Ja! Ständig falsch verstanden zu werden …

Das voranpreschende »Viel zu laut« könnte etwas mit »Something Clever« zu tun haben, oder ist die dadaistische Fortsetzung von Gegensatzpaaren. Im Neoliberalismus wird ja die Schuld dem Einzelnen zugeschoben, nicht systemische Gewalt, sondern man sei selber schuld an seiner Unzulänglichkeit, den Wettbewerb zu meistern.

Hier möchte ich dir gar nicht widersprechen und deine Interpretation so stehen lassen … Ich möchte auch nicht allzu viel vorgeben. Ich finde es stets spannend, wie die Leute interpretieren.

Nun zum nicht weniger wunderbaren zweiten Album »Calimero«. »I Don’t Think«, der Opener-Track, drückt die Ambivalenz im Neoliberalismus sehr gut aus. Dass es jeder schaffen kann, das Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen, aber doch wird auch gleichzeitig das Wertlos-Sein von einem selber ausgedrückt: »I am rage, I am meaningless.« Willst du damit genau das aussagen oder noch viel mehr?

Deine Annahme trifft es ganz gut. Unser Streben nach Erfolg und die ständige Vergleichbarkeit im digitalen Zeitalter mit anderen kann zu einer inneren Unzufriedenheit und einem Gefühl der Wertlosigkeit führen, da man immer das Gefühl hat, nicht genug zu sein. Im Neoliberalismus sagt man oft, dass jeder Erfolg haben und besser sein kann, wenn er sich anstrengt. Aber das kann auch dazu führen, dass man sich schlecht fühlt, wenn man nicht erfolgreich ist oder sich mit denen vergleicht, die scheinbar erfolgreicher sind. Die Zeile »I am rage, I am meaningless« drückt diese Dualität aus, indem sie auf die Wut und Frustration hinweist, die entstehen können, wenn man sich trotz Bemühungen nicht anerkannt oder wertvoll fühlt. Zusammengefasst möchte ich mit dem Song auf Themen wie Identität, Isolation und den Druck zur Selbstoptimierung hinweisen.

Auch Cut 2, »Stretch Johnny Stretch«, scheint auszusagen, dass es um Optimierung geht, aber der Relaxing-Anteil hoch sein muss, um einem Burnout zu entgehen. Oder ist eher damit gemeint, die Konkurrenz unter Popmusiker*innen nicht allzu ernst zu nehmen?

Da ich sehr unterm Radar vom Mainstream fliege, nehme ich die Konkurrenz (kaum) wahr. Ich bin da viel zu sehr in meiner eigenen Welt vertieft. Klingt wie ein Klischee-Statement von Musiker*innen – entschuldige! »Stretch Johnny Stretch« ist ein Song von Johnny für Johnny. Ich möchte mir nichts aufzwingen lassen und das Gefühl möchte ich mit meinen Songs auch zeigen. Ich singe teils in Englisch und teils in Deutsch und beides auch mal gemixt. Natürlich ist das nichts Neues und man könnte meinen, es ist (wieder) Zeitgeist. Ich hatte anfangs Angst, dass das Singen auf Deutsch zu sehr ins Kitschige driften könnte. Allerdings habe ich spät akzeptiert, dass auch deutsche Lyrics gut ins Ohr gehen und man damit sehr gut experimentieren kann. »Stretch Johnny Stretch« ist eine Aufforderung an mich selbst, lockerer mit sich selbst umzugehen und sich nicht zu sehr vom Wettbewerb stressen zu lassen.

»Thought I Knew Myself« hat einen grandiosen Aufbau, um dann abzuebben, und im Mantra »again and again« auszufaden. Wunderschöner Song als Selbstbeschau?

Das Lied »Thought I Knew Myself« ist tatsächlich pure Selbstanalyse. Die Verarbeitung von unbekannten Gefühlen, Wahrnehmung neuer Selbsterkenntnisse. Der Versuch, negative Gefühle weich zu betten. Oder doch nur ein billiger Selbsthilferatgeber? Am Ende soll ein Augenzwinkern bleiben.

Dann folgt eine Art Glaubensbekenntnis, »Calimero« ist ein bezaubernder Titelsong mit bitterem und doch hoffnungsvollem Inhalt. »Ich glaube an eine Zukunft / Aber nicht an den Menschen … Future / Bitte neu kalibrieren / Für Calimero« heißt es am Schluss. Mit Kinderlachen oder Nachahmung davon am Ende. Die Diktion ist verständlich, das Leben soll trotz der Ohnmacht, die man empfindet, Sinn machen. Wer ist Calimero? 

Tatsächlich finde ich mich selbst immer wieder in der Frage verloren, wer hinter der Figur Calimero eigentlich verborgen sein mag. Natürlich wird bei den meisten Menschen die Erinnerung an die italienische Zeichentrickfigur wachgerufen – jenes kleine schwarze Küken, das eine Eierschale als Kopfbedeckung trägt. Ich selbst bin nicht mehr vollkommen sicher, ob ich in meinen Gedanken ausschließlich an dieses Küken dachte. Vielmehr ging es mir um die undurchsichtige Zukunft – welche Wege mögen Calimero bevorstehen? Zu meiner Freude bemerkte auch meine Schwester, dass der Song einem Glaubensbekenntnis gleichkommt; eine Interpretation, die mich zutiefst berührte.

Auch in »Unterm Radar« gefällt die vokale Interaktion zwischen dir und einer female-kindlichen Stimme ganz besonders, für mich ist das ein zentrales Element auf dem aktuellen Album, das dadurch an luftiger Unbeschwertheit gewinnt, trotz Thematisierung einer düsteren Welt. Woran fliegt Johnny Batard, »trying to get some air«, vorbei?

Bei dem Song singe leider nur ich. Ich wollte mit dem Album eine Spannung zwischen der thematisierten Dunkelheit und der Sehnsucht nach Befreiung und Leichtigkeit erzeugen. Das Lied »Unterm Radar« gibt dem Album eine luftige Lebendigkeit und sein verspielt instrumentalistisches Ende einen Hauch von Optimismus, trotz der komplexen Themen, die es anspricht. Ich empfinde, dass Johnny Batard bestrebt ist, sich von den Bürden der Welt zu befreien und auf geschickte Weise über ihnen hinwegzufliegen.

Auf »I’m Not Just Somebody«, den längsten Song mit ausschweifendem Gitarrenspiel, folgt das ruppig-ungestüme »Take It Personally«. Besteht da ein Zusammenhang: zunächst das Insistieren, nicht irgendein Jemand zu sein, darauf ein Lied, Kritik (nicht) zuzulassen? 

Das würde ich glatt so stehen lassen! Allerdings war die Reihenfolge der beiden Songs eine Empfehlung von Oliver Raunjak, dem ich das Album-Master zu verdanken habe. Ich kann nicht sagen, ob er das gleiche Sentiment wie du empfunden hat oder lediglich an den Vinyl-Sound dachte. »I’m Not Just Somebody« ist für mich ebenso ein Versuch, meinem Idol Lou Reed sprachlich sowie soundwise näherzukommen. Manchmal vergessen wir inmitten des Trubels des Lebens die einfache Weisheit, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. In einer Welt, die oft von Erwartungen, Vergleichen und Leistungsdruck geprägt ist, kann der Akt des Loslassens und des Lächelns über unsere eigenen Macken und Unvollkommenheiten eine erfrischende Brise der Befreiung sein. Mit »I’m Not Just Somebody« und »Take It Personally« habe ich versucht, dies zu vermitteln. 

»Take It Personally« rast auf Englisch mit den Worten »Take it, take it, take it«. Welcher Wunsch soll darin erfüllt werden?

Dieser Song markierte den Auftakt unseres Albums, noch bevor die Idee eines kompletten Albums überhaupt entstand. Während der Zeit der Pandemie hatte mein Bruder bereits erste Versuche im Bereich des Home-Recordings unternommen, was uns letztendlich dazu inspirierte, es einfach auszuprobieren.
Der Song vermittelt die Botschaft, dass es nicht immer notwendig ist, Kritik tief zu verinnerlichen, sondern dass man auch in der Lage sein sollte, gelegentlich selbst Kritik zu äußern.

Mir ist die Passage »Die Kinder sind in Ordnung, sie werden ewig leben« sehr gut hängen geblieben. Wie ist diese Textpassage aus »Tu es für mich« gemeint?

Du bist in dieser Empfindung keineswegs allein! Gerade diese spezielle Passage erweckt häufig besonderes Interesse und ich werde vermehrt darauf angesprochen. Ich hätte nicht erwartet, dass gerade diese Zeilen den Hörer*innen aus dem Album in Erinnerung bleiben würden. In der Tat überlege ich nun sogar, diese Passagen auf T-Shirts oder Taschen sticken zu lassen.
Diese Zeile steht als Gegensatz zur Realität der Vergänglichkeit des Lebens. Die Jugend wird oft als Zeit der Unbeschwertheit und des Optimismus gesehen, und die Vorstellung, dass »die Kinder ewig leben« weist auf die Sehnsucht nach einer Welt hin, in der die Jugend und Lebendigkeit niemals enden würden. Da kommt der Pseudo-Philosoph in mir zum Vorschein. Insgesamt ist »Tu es für  mich« ein Lied, das je nach Hörer*in unterschiedlich interpretiert werden soll – so habe ich mir das zumindest vorgestellt.

Kommen wir zum Finale. »Stress«, mit dem Schlacht- oder Zwischenruf »Electrify« hat ebenso Drangsal. Welcher Stress hat dich heimgesucht?

Die Herausforderungen bei der Realisierung unseres zweiten Albums haben mitunter für Stress gesorgt. Trotz der Tatsache, dass unser Debütalbum während der Pandemie etwas untergegangen ist, hat es bei diversen österreichischen Medien Anerkennung gefunden. Der kurze Artikel im »Falter«, die Beachtung von »FM4« und anderen Medien empfanden wir als eine Art Ritterschlag – ein Zustand, den ich zweifellos mit unserem zweiten Album fortsetzen will.

Releases:

Johnny Batard: »Calimero« (Album 2022, Postoffice Records)

Johnny Batard: »Uh Tata« (EP 2021, Postoffice Records)

Links: https://johnnybatard.com/

https://postofficerecords.com/ 

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