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Berserkers Inventur – Juli & August 2022

Zwischen Black Metal aus Gürtelbögen und Klingklang von Kunstkids stellt sich der österreichische Underground unter die Nebeldusche am Karlsplatz: Berserkers Inventur spült alle ab.

Die Bluetoothbox schwitzt. Wir hören neue Musik aus Österreich. Mit dabei: Jede Menge Black-Metal-Gegrunze, der Sufjan Stevens des Wiener Beckens sowie Titten, Techno und Trompeten. Wie immer ungerichtet zusammengefasst in Berserkers Inventur.

Vergeblichkeit – »unnahbar Dein« (s/r)

»Meiner Meinung nach ist jeder Mensch geboren, um zu leiden und zu sterben«, sagt eintrostlosespferd. Wem bei so viel Lebensfreude nicht der Metal-Gaul durchgeht, fühlt die Vergeblichkeit. Alle anderen werfen den ersten Rammstein, fädeln rote Rosen durch den Harnkanal und betten sich auf Stacheldraht. Peace.

Bellabeth – »Make Me Ask Twice« (s/r)

Sie kracht mit Instrumentals auf Spotify-Playlists, vercheckt Häferl als Merch und trällert wöchentlich auf Twitch. Nicht der Underground, den man auf Flink bestellt hat, trotzdem: Bellabeth fabriziert mit ihrer Stimme Balladen, für die sich Madonna mit FKA twigs über die Molltonleiter hangelt.

Sesso Violento / Iron Chair – »Power Exchange« (Misericordia Records)

Gurgel, Grunz und gute Laune! Auf dem neuen Split-Tape von Misericordia Records greifen die italienischen Daumenschrauben von Sesso Violento in den Stromkreis, während Iron Chair beim Ikea am Westbahnhof die elektrischen Stühle durchprobiert. Black Metal in der Ruhezone mit Schnitzel für 3,90, chill!

Orange Gone – »Crescent Claw« (s/r)

Maximilian Mrak veröffentlicht Musik für Menschen, die sich unter der Steppdecke noch spüren. Wie oft man den Typen hinter Orange Gone noch als Sufjan Stevens des Wiener Beckens beschreiben muss, bis ihm ein Label-Hannes einen Plattenvertrag ins frisch bestellte Blumenbeet legt, who knows?

Toad – »Modern Person« (Vienna Underground Traxx)

Ein Album von Toad auf VUT? Blind gekauft. Der Typ aus Wien leiert mehr Groove aus der gecrackten Ableton-Software als Richie Hawtin aus seinen Segelschuhen. Die Amen-Breaks haspeln, die Synthis schlucken fünf bunte Smarties – schon beim Opener »Burger King« verdrückt man statt veganen Nuggets ein paar Ecstasy-Tränchen. Bleibt nur eine Frage: Handelt es sich bei Toad vielleicht um das uneheliche Kind von Squarepusher und Moby?

dieb13 – »synkleptie № 1044« (smallforms)

Der Datendieb mit Direktantrieb dreht wieder an den Decks. Oder eher: Hat an ihnen gedreht. Über 1.044 Mal feuerte Dieter Kovačič die Technics in den vergangenen 30 Jahren an. Behauptet er zumindest selbst. Was in all den Jahren geblieben ist: ein Sommernachtskonzert für Solipsist*innen! Bei der Konzertaufnahme vor zwei Jahren im Château Rouge kämpfen drei Platten um die Deutungshoheit. Zwischendurch knirscht’s. Am Ende gibt’s wie immer Krach.

Bulbul – »it’s like the earth is angry« (s/r)

Die Welt sei angepisst, sagen die drei Bolzenschneider von Bulbul. Keine Ahnung, wie sie darauf kommen. Ihre neue Platte schmiert jedenfalls nicht lange mit der Scheiße rum, sondern köpfelt direkt rein ins Gackigulag. Gitarre, Bass, Ballaballa! Daran hat sich seit Neunzehnschießmichtot nichts geändert. Funktioniert auch zu gut. Und: Sogar alten Knochen kommt manchmal ein Bänger aus! So beschissen kann die Welt nicht sein.

Moonshine Bunny – »Bipartite EP« (s/r)

Lauan de Brito und Josua Zajons bezeichnen sich als »grooviest Mf’s« in Wien. Dafür braucht’s zwar mehr als drei Bookings in der Praterpizzeria und drei geklaute Drumpatterns von Egyptian Lover. Beim Saunieren und Sauerteigspezialisten dürft’s trotzdem knuspern.

Parasite Dreams – »Self Centered And Too Late« (Into Endless Chaos Records)

Träume fressen Angst auf! Parasite Dreams, das Wiener Black-Metal-Verlies von Dominik Pilnáček und Raphael Fürli, kettet sich schon länger in die Gürtelkatakomben. Jetzt krachtschingbumpengt man bis zum Leipziger Label von Into Endless Chaos Records. Zu Recht, die Düsterdandys gehören mit dem Lärm längst aus dem Morast.

Kisling – »Old Life« (Serious Serious)

Wir bewegen uns im Kreis. Der Loop wird zum Seismograph für Veränderung. Immer neu, niemals anders. Liest sich wie der Katalog zur Ausstellungseröffnung von Piffpaffpuff – ist aber der Versuch, aus dem Glitch-Geklimper von Michaela Kisling drei Sätze zu zwirbeln, die nicht so klingen, als hätte hier jemand die Sublimation zwischen Kunstakademie und Klingendes Österreich fabriziert.

Clemens Denk, Marie Vermont, Matthias Widder – »Ewige Schlacht« (s/r)

Stell dir vor: Death Grips spielen ein Konzert in der Regenbogengruppe, holen ein dreijähriges Groupie auf die Bühne und lassen es die Hook von »No Love« ins Mikro brabbeln. Mit Vermont, Widder und Denk haben sich die richtigen Drei gefunden, um diese einmalige Vorstellung endlich wahrwerden zu lassen.

Gerhard Heinz – »Back To The 80s« (Gerhard Heinz Archiv)

Das Archiv von Softporno-Spezi und Waterloo-Wuzzi Gerhard Heinz ist prall gefüllt. Hunderte von Bändern lagern in seinem Wohnzimmer. Manchmal wurschtelt der 95-Jährige eines aus dem Regal. Ein paar Wochen später finden sich die Gstanzln dann auf Bandcamp. Unser Glück! Wie sonst käme man zu Hits der Achtziger-Jahre wie »Wonderful Tits« und »We Are The Little Pigs«?

Raw Ethics – »I« (s/r)

Die Gitarren haben gut gegessen und grummeln trotzdem. Thomas Unger spült mit Listerine durch. Der Laden fackelt ab. Doom aus Wien: nie verkehrt. Hat aber lange nicht mehr geklungen, als würde einem der Bass das Herz aus der Brust pumpen. Das Tape gibt’s für einen Fünfer, Raw Ethics muss man sich merken!

Lisa Laser – »This is a Movie« (Tamtam Recordings)

Wir roadtrippen durch die Stadt. Vorbei am Naschmarkt, über den Karlsplatz, am Ring entlang. Die Wassernebler sprühen einsam in der Betonwüste, ein paar Leute tratschen im Schatten. Wir haben es gut. Lisa Laser hat für Tamtam ein Album aufgenommen, das zwischen Adrianne Lenker und einem Drehorgelkonzert in den Wiener Sommer plumpst. So unschuldig, dass man am Ende fragt. »This Is Reality«?

Annika Stein – »Para:dies Soundtrack EP« (System A Recordings)

»Para:dies« ist das Spielfilmdebüt von Machacheckerin Elena Wolff. Im Streifen geht’s um queere Liebe, der Sound knattert u. a. mit Überholspur-Techno von Annika Stein in die Kinos. Und: Die Meat-Market-Resident weiß genau, wie Kickdrums zu Betonmischern werden. Weil sich ein Bänger selten allein versenkt, gießen die Wiener Producer*innen Alecid und Dimitar Georgiev zusätzlich Stahl ins Werkl. Ein Wort: Vorwärts!