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Berserkers Inventur: Dezember & Jänner

Berserkers Inventur präsentiert die bessere Musik aus Österreich: mit Metall aus dem Irrenhaus von Kringa, Druffi-Dub von Mono Peninsula und einem Aufruf zum Sobotkern von Flonky Chonks.

Im sogenannten Underground tummeln sich Mozartstädter Melancholiker, TikTok-Träumereien und Kirchenschiff-Choräle. Was sich sonst am Formatradio vorbeischleicht, hat Berserker in einer Inventurrunde im offenen Bücherschrank deponiert.

Elastic Skies – No Past, No Regrets (Feber Wolle records)

Versprochen: Das Solodebüt der Linzer Period-Bassistin Nora Blöchl molchatdomat sich in deinen Frontallappen! Wer sich danach keine Schatten unters Lid schmiert und die Zehennägel im Darkroom lackiert, pflückt weiter Blümchen! 


triggered by noise – »agalma« (s/r)

Melancholie aus der Mozartstadt! Lukas Gwechenberger ist Konzeptkünstler, entstellt Räume und haut für sein Debüt in die Tasten, dass es zwischen Vorhaut, Frost und Fennesz kracht. Bevor das Ecstasy kickt, bimmeln die Glöcklein. Wer das mal nicht mitten ins heart of noise sticht!

tiredpurple – »Unter der Maske« (s/r)

Als hätte sich Till Lindemann an den Gesichtsfarben vergriffen, das Mikro von Scooter geklaut und in der strengen Kammer zur Lesung des neuen Gedichtbands geladen.


Raven and Phan – »How Many Times EP« (s/r)

Achtung FM4-Charts! Vom Bosporus bis zur Bananenrepublik spricht sich rum, dass Raven and Phan nicht nur für die Vierviertel-Matinee taugen. Der Sound – ein Butzi von Sigur Rós und Radiohead – schmeichelt Bio-Bobos wie Dandy-Dreamers.


Kringa – »All Stillborn Fires, Lick My Heart« (Terratur Possessions)

Technically ein 2022er-Release, aber ich liebe situationselastische Lösungen: Wer die beste Grunz-Schrei-Krach-Platte des Jahres am 30. Dezember rauswürgt, nimmt den Teufel bei den Hörnern und lädt mit Metal ins Irrenhaus!


Hunt – »Whisper: Wisps Of Time« (Plot Toy)

Manchmal spricht nur aus dem Kitsch die Wahrheit. Hunt, der seit Corona Mukke produziert, verpasst uns den Emotionseinlauf zum Corona-Comedown. Im Namen des Trances, des Dröhnens und des Heiligen Geistes – Amen!


Aki Traar – »Helix Bruise« (s/r)

Dass diese Platte den Future-Gegenwärter*innen von Ashida Park durchrutscht, kann nur ein Fehler sein. Aki Laurenz Traar bespielt schließlich nicht nur geschlossene Gesellschaften im Burgtheater. Er produziert auch musikgewordene Kaugummiautomaten, für die pinkpantheress auf jeden TikTok-Trend verzichten würde.


Alternative Life – »i, ii, iii, iv« (fehlkauf tonträger)

Triggerwarnung: 20 Minuten Dröhnung für innerkörperliche Erfahrungen! 


Drug Searching Dogs – »Bared Teeth (Demos)« (s/r)

Sitz! Platz! Komm! Wer diese drei abgerichteten Wauzis von der Leine lässt, radikalisiert sich schneller gegen die beschissene Gesamtsituation, als man nach Ohrstöpseln fragen kann. Für mögliche Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Hundekotsackerlspender!


Sadie Spiegel – »Paper Songs (Ruff Mix)« (s/r)

Kunscht, aber gscheid! Sadie Siegel ist Seth Weiner – früher Amerikaner, inzwischen Wiener – und trockentrainiert sich durch Fingerübungen an Trommelmaschine und Synthesizer. Als hätte jemand den Radiophonic Workshop ins MUMOK gebastelt. 


inaud1bl3 – »Hydrogen« (farmersmanual)

Hat hier Ferris MC ein verkifftes Demotape aus den 2000ern veröffentlicht? Der Mann trällert wie der Mann im Mond. Die Songs können sich zwar nicht zwischen Formatradio und völliger Auflösung entscheiden. War aber immer schon so. Wenigstens bei Christian Haudej bleibt alles, wie es ist!


♄♄♄♄♄, Black Yen – »Split Tape« (grazil Records)

Die Saturnisten sind fünf heitere Zeitgenossen aus Graz. Sie mögen Gedichte von Nietzsche und treiben sich nachts dort rum, wo Gitarren und Verstärker schlottern: unterm Uhrturm. Mit Sebastian Lackner, den ein paar als Spezl von Nekrodeus kennen sollten, splitten die Buben ein Kassetterl. Geröchelt wie Grazil!


Mono Peninsula – »Fake Dust EP 2« (Friends of the Noise Floor)

Der Beat schlurft wie ein Druffi nach neun und alle wissen: Gegen gut gemachten Dub gibt’s gar nix zu sagen!


Vienna Struggle – »Pangea« (Vienna Struggle)

Fahr zum Rennweg und zum Keplerplatz, kauf alles, was du für zwei Rokokobrücken bekommst, und pfeif’s dir in der U-Bahn rein. Nach zwei Minuten zieht dein Leben an dir vorbei. Du schwebst. Hörst nur noch die Unendlichkeit. Siehst dich. Weit, weit, weg. Jetzt braucht es Musik, doch: Spoti streikt, du struggelst. Dann, plötzlich – eine Erleuchtung. Lady Bitch Ray, die Natur, große Augen, dein Blick im Badezimmerspiegel gefolgt von Wellen, Wunder, Wahn … Sinn. 

paseule – »zweit heilt alle wunden« (s/r)

Dass die Sache gut werden könnte, durfte man schon beim ersten Live-Gig vor einem knappen Jahr erahnen. Jetzt ist das Debüttape von Arthur Moussavi und Sandro Nicolussi als paseule draußen und läuft seitdem jeden Tag zum Frühstücksyoga. »zweit heilt alle wunden« lässt den einen ins Bandgeschnipsel fenneszieren, das der andere aus seinen Tapedecks kurbelt. Seitdem kein Morgenjournal mehr gehört!


Nine Mountains – »The Ship« (Wirtshaus Secrets)

Nine Mountains sind Daphne X und Ybalferran. Die eine glitcht sich als Sounddesignerin durch den Goldenen Shit der Hauptstadt, der andere hängt beim Stammtisch im Wirtshaus das Mikrofon aus dem Fenster. Frickel Forward: 40 Minuten Augen-zu-und-horch-Sounds für die leisen Stunden während Feiertagsvöllerei.


Christina Ruf – »STRØM« (iapetus)

Apropos Feiertag! Christina Ruf, die Cello-Zauberin, hat ein Album veröffentlicht, für das man zwischen Sektbesäufnis unter der Nordmanntanne und Sektbesäufnis zur Silvestersause in Deep-Listening-Zustände ausfranst. 


Flonky Chonks – »Basrtard« (s/r)

Der »Sprechgesangskünstler« (© »Der Standard«) aus OÖ strampelte für den Protestsongcontest mit dem Hochrad über die Hauptallee und baut Schlagzeuge auf Lastenfahrräder. Wer sich die 16 Debüttracks zum g‘schissenen Zustand der Welt anhört, käme nicht auf die Idee, dass Sebastian Sperl bis vor zwei Jahren noch nie ein Mikrofon in der Hand hielt. Gut, dass er beschlossen hat, das zu ändern: »Heast, I hob vasprochn, doss I mi zaumreiß / aber heast, I grei am Zaunfleisch / frog en Sobotka, wias is, wann wer vors Haus scheißt / auf meiner Listn bist du Opfer scho längst oagreizt.«


fx666 – »Quer2Sting« (s/r)

Fürst Finsternis von Vorarlberg verspricht Fortbildungskurse für Fürchtereien. Wer dem einzigen Experimentellen im Ländle nicht glaubt: »Quer2Sting«, eine fünfgleisige Geisterbahn durchs elektronische Wonderland, rauscht, kratzt und knetet die Hutkrempe eines anderen Darkness-Dandys: Lawrence English. Übrigens: Weil der Ländle-Lausbub schneller als sein Schatten releast, hinkt das geschriebene Wort seinen aktuellen Releases nach. Check Bandcamp for the latest.


KETTENHUND – »Tarnen und Täuschen« (Urban Lurk)

Als würde Jens Rachut morgens mit Listerine Cool Mint gurgeln: Zwei Architekten, ein Sozialbetreuer und ein drogenabhängiger Versager. Hardcore aus Wien in eigenbeschreibender Klescherei!


Julia Znoj – »12345678« (s/r)

Wenn feine Künste auf schwitzige Kammern treffen, zappelt Techno im White Cube. Turn on the lights!


Atom Womb – »Visions« (s/r)

Das Cover des Jahres geht an Atom Womb, eine Wiener Gruppe, die mit »Visions« gerade eine Platte veröffentlicht hat, für die man die Chelsea Boots gegen geschlossene Birkenstöcke tauscht, in einen Kaktus beißt und sich Wüstensand in die Augen rieseln lässt.


Welia – »Medusa« (Morbit Exile)

Auf ihrem YouTube-Channel, einem Sammelsurium für Nerds der Nische, hat sie schon länger nichts mehr hochgeladen. Ihre erste EP droppt Welia aus Wien dafür als Exit aus dem Schleudersitzjahr. Drei Tracks, irgendwas mit Pop, totally wired – und genau richtig, um sich drei Doublemint Wrigleys zwischen die Zähne zu schieben, tief einzuatmen und beim Ausatmen die Schleimhäute durchzupusten.


Patrick Lenk – »Chant of the Mystics, Vol. 1 (Remastered)« (Audio Sanctum)

Fast 43 Millionen Mal haben Leute seine Songs auf YouTube geklickt. Auf Spotify lauschen 15.000 Leute jeden Monat mit. Auf seiner Homepage steht »Music For Your Soul«. Trotzdem hab’ ich von Patrick Lenk aus Wien noch nie gehört. Dabei gurgelt er gregorianische Gesänge über Drones, für die man sich zur Bibelexegese ins Kirchenschiff verkriecht.


Hymnenmann – »Wir sind unbesiegbar!« (s/r)

Hätte Klaus Nomi in den Achtzigern einen Panflöten-Workshop an der Lower East Side besucht, der singende Weltraumroboter wäre wie der Hymnenmann aus Linz auf dem Mars gelandet.


currl – »Peas of doubt« (s/r)

Beim Cover direkt Bock auf Risibisi bekommen. Der Sound: freischwimmerfunktionsformierend.


Rollstuhlfahrer – »1. Grazer Panflöten Tape« (Natal Rec.)

Musik bringt einen auf andere Fragen: Wo sind eigentlich die Flötenhippies hin, die früher in der Fußgängerzone ihre Ponchos zu Playbackprügelei trugen?


Violetta Parisini – »unter Menschen« (s/r)

Violetta Parisini ist die Judith Holofernes aus Wien. Eine Heldin, die jetzt deutsche Texte schreibt – ohne Cringe, dafür mit Kuscheldecken-Moments für alle, die sich angewidert von FM4 abwenden. 


DJ Gusch – »Zalega Style« (s/r)

Links geht’s rein, rechts geht’s raus! DJ Gusch verteilt Zuckerln zum »Zalega Style« und schaltet vom ersten Gang volé ins Schleudertrauma. Bei 145 Sachen läuft die Maschine warm, der Dagmar haut’s die Dritten raus. So soll’s sein in der sogenannten Clubkultur.


Coma. – »47°14’21.8″N 9°35’26.9“E« (s/r)

Nach Vorarlberg fährt man zum Sterben. In Feldkirch unterm Kapf, dort wo das Wasser sich durch die Schlucht schlängelt, denkt man drüber nach. Davor entledigt man sich auf der Mutproben-Brücke aller Wut, den letzten Kräften und der Angst. Nichts bleibt übrig. Die Ländle-Slipknots (© Nicolussi) erledigen den Rest.


Kajgūn – »FZ22« (s/r)

Es braucht nicht viel, um Licht in den Doom zu spenden: Ein schnappatmendes Saxophon, furzende Fuzz-Effekte und ein Drummer auf Speed reichen aus für vollendete Feiertagsfreude!

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