The Notwist

»Vertigo Days«

Morr Music/Indigo

Manch eine der ersten Besprechungen erkannte im neuen Album von The Notwist eine »Neuerfindung« der Band – ein zu hoch gegriffenes Wort, und doch, »Vertigo Days« hat etwas, was man von The Notwist noch nicht kannte. Die Alben der Band um die Brüder Markus und Micha Acher folgten zwar immer einem stringenten Konzept, so im Fluss wie auf »Vertigo Days« waren sie jedoch nie. Es wiederholen sich die Motive in Sound und Text, die Stücke gehen nahtlos ineinander über. Mehr noch: Manchmal wird ein Song in sich zu einem anderen. Erkennbar gleich im zweiten Track »Into Love / Stars« – der Schrägstrich deutet schon an, dass hier zwei Songs in einem verpackt sind. Zwei Minuten und fünfzig Sekunden säuselt Markus Acher in bekannter Manier über liebliche Melodien. Dann verschiebt sich das Tempo. Die Gitarre wird beiseitegelegt, stattdessen eifrig der Synthesizer bearbeitet. Acher bleibt stumm, dafür setzen die »Oh-ohs« weiblicher Stimmen ein. Und bisweilen hört sich das Ganze nach einem Exkurs in die Gefilde zwischen Ambient Techno und Minimal Music an. Und plötzlich der Rutsch ins nächste Lied »Exit Strategy To Myself«. Man ist unversehens mittendrin in den »Vertigo Days«. Neu bei The Notwist sind auch die Gaststars, und diese sind zahlreich vertreten: etwa die argentinische Singer-Songwriterin Juana Molina, aus Japan die Tenniscoats-Sängerin Saya und die Band Zayaendo, schließlich Jazz-Prominenz in Person von Ben LaMar Gay und Angel Bat Dawid. Die Idee fasst Markus Acher in schönen Worten zusammen: »We wanted to question the concept of a band by adding other voices and ideas, other languages, and also question or blur the idea of national identity.« Zwei Wochen vor der Veröffentlichung von »Vertigo Days« hatte The Notwist’s »Neon Golden« seinen 19. Geburtstag; bekanntlich zählt es zum Kanon der großen Alben deutscher Acts abseits des Mainstreams. »Vertigo Days« ist tatsächlich nah an der Klasse dieses Opus magnum.