Park Jiha

»The Gleam«

Glitterbeat Records

»Der Verlauf eines gewöhnlichen Tages birgt nicht weniger Wundersames als die Geschichten großer Taten.« Als Virginia Woolf dieses Credo moderner Kunst formulierte, forderte sie jenen »leuchtenden Lichthof«, diese »unbekannte und unbeschriebene Stimmung« unscheinbarer Vollzüge darzustellen.[1] Ein Jahrhundert später setzt das Album »The Gleam« von Park Jiha diesen Anspruch mit musikalischen Mitteln um: Es zeichnet die Entwicklung des Lichts innerhalb eines Tages nach. Dazu bedient sich die in Seoul ansässige Multiinstrumentalistin einer atmosphärischen, auf Klangtexturen aufgebauten Kompositionstechnik, die nicht auf Virtuosität des Spiels abzielt. Situiert zwischen traditioneller koreanischer Musik, westlicher »Klassik«, Ambient und Avantgarde ertönen auf »The Gleam« nur vier Instrumente: Glockenspiel, Piri (ein aus Bambus gefertigtes Oboen-Instrument), Yanggeum (eine Kastenzither) sowie die auf dem Cover abgebildete Mundorgel Saenghwang. Kombiniert mit einer kristallklaren Produktion sorgt diese kreative Beschränkung für eine bemerkenswerte Kohäsion des Werkes. Wie konsequent Jiha Reduktion als Stilmittel einsetzt, zeigt sich im Vergleich zu ihren ersten beiden Alben. »Communion« und »Philos« integrierten noch Jazz-Elemente oder Lyrik in Kooperation mit anderen Künstler*innen, ein Äquivalent der in den Albumtiteln angedeuteten Gemeinschaftserfahrungen. Demgegenüber destilliert »The Gleam« die unpersönliche Materialität der Klänge. So mimen beim Auftakt »At Dawn« die wechselnden Timbres der Piri das Anschwellen des Sonnenaufgangs, während auf dem dritten Track »Light Way« das Knarzen der metallenen Yanggeum-Saiten die dynamische Qualität des Vormittagslichts in den Fokus rückt. Leider bedeutet Reinheit nicht immer Brillanz. Insbesondere das von einer repetitiven Tonfolge geprägte »Restless Towards« hätte mehr Variation vertragen. Kleinere Schwächen können jedoch nicht die Strahlkraft von Jihas musikalischer Vision verdunkeln: »The Gleam« bietet eine faszinierende Klangwelt – einen Lichtblick in finsteren Zeiten.

[1] Vgl. Woolf, Virginia: »Modern Fiction«. In: »Selected Essays«. Hg. v. David Bradshaw. Oxford/New York: Oxford University Press 2008, 6–12, hier: 9.