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Das Berliner Ensemble einmal mehr als veritabler Geschichtsbeschleuniger. Zeitkratzer haben ein untrügliches Gespür für die Verbindung von Kunstmusik und deren avancierten Popstrategien; siehe »Metal Machine Music«, ihre Aktualisierungen von Xenakis oder die Zusammenarbeit mit William Bennett (Whitehouse) und Keiji Haino. Dass zwei Protagonisten amerikanischer Neuer Musik – Tenney und klarerweise Cage – irgendwann ins Programm fallen würden, ist somit abgemachte Sache. In der Serie [old school] sind für 2010 Einspielungen von Werken von Alvin Lucier und Morton Feldman geplant. Daran lässt sich gut ablesen, wie gründlich der amerikanische Minimalismus die aktuelle Musikavantgarde geprägt hat. Zeitkratzer zoomen bis auf Molekularebene in die (Nicht-)Klang-Strukturen von Tenney und Cage, destillieren die akustisch-philosophische Grunderfahrung der jeweiligen Musiken zu einem auratischen Moment voll flirrender Präzision, nichts ist mehr, was es scheint. Aber diese Strategien lassen sich ebenso bei vielen anderen Zeitkratzer-CDs feststellen. Mich würde es nicht überraschen, wenn es denn bald Interpretationen von Subotnick, Reich oder – ganz »klassisch« – Boulez und Stockhausen gäbe. So wegweisend ihre Soundforschungsarbeit und die damit einhergehenden Kontaminierungen der jeweiligen Subsysteme sind: Zeitkratzer zirkeln einen Kanon ab, der nur allzu leicht in bildungsbürgerlicher Distinktion stecken bleiben kann. Dass sie perfekte Soundflächen zu spinnen in der Lage sind, haben sie vielerorts bewiesen. Mich würde ja ihre De-/Rekonstruktion von Rhythmus interessieren, sagen wir mal King Tubby; oder Jazz, mit Duke Ellington oder Herbie Hancock als Gradmesser zwischen »ernster« und Popmusik. So spannend diese beiden CDs auch sind: Ist eher was für Komplettisten.

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