Illustration © Benedikt Haid

Happy Birthday, Bärtiger!

Vor 200 Jahren hat im preußischen Trier ein gewisser Karl Marx das nicht immer verheißungsvolle Licht dieser Welt erblickt. In einer aktuellen Serie versucht skug, sich einen Reim auf die Wirkung jenes Mannes zu machen, der von sich behauptete, ganz sicher kein Marxist zu sein.

Elfriede Jelinek sagte einmal, sie verstünde nicht die Aufregung um Weihnachten. Jesus Christus sei ein Sozialrevolutionär, den sie sehr schätzen würde, aber es habe bedeutendere gegeben, zum Beispiel Karl Marx. Dessen Geburtstag wiederum feiere niemand. Stimmt – aber das holen wir jetzt nach. Marx’ Geburtstag jährt sich am 5. Mai 2018 zum 200. Mal und das ist irgendwie wie Weihnachten, nur aus einem gewissen Grund noch besser. Denn schließlich lässt sich beim Mann aus Nazareth kaum sagen, wie er es eigentlich gemeint hat (selbst an der angeblichen Vox Christi wurde gewaltig und meist unlauter herumgeschraubt), bei Old Charly (Selbstbezeichnung) hingegen lässt sich das meiste nachlesen. Wir wollen zu Ehren des Jubilars einen Blick in die heiligen Schriften des Marx werfen, mittels einer unserer hochgeistigen Serien. Letztes Frühjahr warfen wir bereits einen Blick auf die Aktualität der Klassenkämpfe und im Oktober 2017 nahmen wir aus gegebenem Anlass die Revolution unter die Lupe. Diesmal feiern wir gemeinsam 200 Jahre Marx. Frohes Fest!

Marx nachzusagen, er hätte kein Herzblut investiert, wäre unfair. Abbe Libansky: DeadRed (© MAG³)

Wie links sein heute?
Dass es Marx zu würdigen gilt, scheint sich längst herumgesprochen zu haben. Die Volkshochschulen haben Geburtstagsvorlesungen über Marx im Programm und auch die Feuilletons sind reichlich gefüllt mit Marx-Geschichten. Vielleicht sind diese nicht nur lustlose Jubiläumsveranstaltungen und läppische Anlassberichte, sondern verraten etwas über eine Lage, in der immer mehr Menschen spüren, dass Politik und Wirtschaft für sie nur mehr ein Versprechen im Gepäck haben: »Ihr werdet immer mehr arbeiten für immer weniger Geld.« Somit kommen wohl langsam allgemein Zweifel auf, über eine kapitalistische Grundordnung, die sich lange Zeit in falscher Selbstverständlichkeit, wie eine zweite Natur, direkt vor unseren Augen verstecken konnte.

Nur ist das Aufbrechen dieser Verblendung aus verschiedenen Gründen sehr schwierig. Der teils dummdreiste Anti-Kommunismus zahlreicher bürgerlicher AutorInnen kann noch recht leicht entlarvt werden, nur hat aber die Entwicklung des 20. Jahrhundert auch gezeigt, dass gewisse Baufehler einer sozialistischen Umgestaltung nicht nur der Washingtoner Propaganda geschuldet waren. skug-Autor Gianluigi Segalerba gibt uns mit den letzten Worten seiner umfassenden, in zwei Teile aufgeteilten Studie über das Mammutwerk Gerd Koenens »Die Farbe Rot« das Motto vor: »Wie und warum es so schwierig ist, links zu sein«. Denn genau dies belegt Koenen mit seiner umfassenden Studie über die verschiedenen Versuche, sozialistische oder kommunistische Ordnungen zu etablieren. Diese Schwierigkeit ist insbesondere auch deswegen ein Ärgernis, weil es relativ einfach ist, rechts zu sein. In der Verkürzung des US-Politikers und SF-Autors Newt Gingrich bleiben nur zwei Forderungen übrig: »Weniger Steuern und Todesstrafe.« Die Linke hingegen muss mit komplexen Modellen aufwarten und setzt sich dabei unvermeidlich Fehleinschätzungen aus.

Die Aktualität des marxschen Denkens aufzuzeigen, ist somit aus vielen Gründen keine triviale Aufgabe, denn zunächst scheint Marx historisch und praktisch gescheitert und damit widerlegt zu sein. Bei Friedrich Tombergs Versuch, Marx’ Theorie besser zu verstehen, als es ihm selbst gelang, erweist sich diese aber als überraschend lebendig. Die globalen Herausforderungen eines die Zivilisation bedrohenden Raubkapitalismus sah Marx in bis heute gültiger Form, er stellte diesem die Herausbildung eines weltbürgerlichen Bewusstseins entgegen, das den Weg zu einem Reich der Freiheit einschlagen muss. Kommunismus, Sozialismus und die Herausbildung einer Partei waren dabei gar nicht Marx’ wissenschaftliches Interesse.

Helmut Dahner zeigt in der vergleichenden Gegenüberstellung von Marx und Freud, wie beide, tief im deutschen Idealismus verwurzelt, gegen die irrtümlich als natürlich wahrgenommenen Voraussetzungen menschlicher Gesellschaft vorgingen. Weder die psychische, noch die politische Ökonomie ist unabänderlich.

An einen Kapitalismus als Dauerkrise scheinen wir uns gewöhnt zu haben. Reinhold Sturm versucht, Karl Marx in vier Thesen zu würdigen, als einen Denker, der die Komplexität menschlicher Existenz weder mechanistisch noch idealistisch reduzieren wollte. Dies mag an gewisse Überlegungen zum »Chaos« erinnern.

Abschließend wird uns Anton Tantner innerhalb eines Fotoessays Marx’ Wohn- und Wirkungsstätten näherbringen.

Das Eintrudeln weiterer Texte ist nicht ausgeschlossen. Vielleicht wird die skug-Redaktion es nicht unkommentiert lassen können, dass an Marx’ Geburtstag die chinesische Führung ein tonnenschweres, sozialistisch-realistisches Steinabbild von Marx in dessen Geburtsstadt Trier enthüllt. Die chinesischen Billigimporte erwiesen sich hier anscheinend den Kunstprodukten der sich selbst gern als eine Kulturnation rühmenden BunRepDeu überlegen. Kann man wohl nichts machen.

Wir danken an dieser Stelle insbesondere unseren NeuautorInnen und erlauben uns, darauf hinzuweisen, dass der einzige akademische Titel, den skug erwähnt, jener von Dr. Lonnie Smith ist, because of »no particular reason«.

Großer Dank gebührt auch Benedikt Haid für die eigens für skug entworfene Grafikserie, mit der wir die Artikel visuell eröffnen, und der Galerie MAG³ für die Bereitstellung der weiteren Bildbeiträge.

Schlagwörter: