Teich in der Lobau © Flushy007, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

No-Bau für die Lobau

Ein Panel mit Aktivist*innen und Parteivertreter*innen versucht, sich einen Reim auf die aktuellen Proteste in der Wiener Lobau zu machen, und möchte dabei auch die historische, politische und sogar psychologische Dimension beleuchten. Dem Tunnelbau wird tiefschürfend begegnet.

Ein wenig herrscht Hainburg-Stimmung in gewissen Teilen Österreichs. Es war bekanntlich bereits einmal gelungen, eine Auenlandschaft zu retten, mit viel Protest und Besetzungen. Ob es diesmal wieder gelingen kann, indem breite Teile der Bevölkerung sich dem Widerstand anschließen, ist derweil noch fraglich. Eines steht fest: Das Untertunnelungsprojekt des Auengebietes der Lobau trifft gleich mehrere neuralgische Punkte im aktuellen Geschehen um Umweltschutz, Klimagerechtigkeit und zukünftiges Wirtschaften.

Wir betonieren unsere Zukunft
Jutta Matysek ist seit fast zwei Jahrzehnten die Obfrau des Vereins »Rettet die Lobau – Natur statt Beton«. Sie kann aufzeigen, was die letzten Jahre an Aktivismus bewirken konnten, welche voraussichtlichen Folgen der Bau hätte und wie es um die zehn (!) juristischen Verfahren bezüglich Umweltverträglichkeitsprüfung, Wasserrechts- und Naturschutz steht. In den Autobahnbau sind sämtliche in Stadtrat und Nationalrat vertretenen Parteien verstrickt. Die ehemalige grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou hat, wie die SPÖ gerne betont, das Projekt mitbetrieben, die grüne Bundesministerin für Verkehr Leonore Gewessler will nun zumindest prüfen. Die SPÖ steht ohnehin noch immer voll hinter dem Tunnelbohren und erkennt nicht die Ironie, einerseits für eine »coole City« zu werben und »nachhaltig« Bäume pflanzen zu wollen, während andererseits der Stadtrand versiegelt wird. ÖVP, FPÖ und NEOS tun traditionell, wie die Wirtschaft befiehlt, und sind somit zum Vergessen. Bleibt also nur mehr die Hoffnung auf die »Kleinen«. Der Bundessprecher der KPÖ, Tobias Schweiger, und Karin Hädicke von LINKS werden die Parteilinien zur Lobau transparent machen.

Was will die österreichische Seele?
Natur, gesundes Essen, Freundschaft oder sogar Liebe sind so Dinge, die sich in Österreich gerne wechselseitig ins Poesiealbum geschrieben werden. Steht hinter den Ankündigungen aber immer auch gelebt Wirklichkeit? Der Eindruck ist ein anderer. Die überwiegende Anzahl der Menschen in Austria wünscht sich zwei Dinge: »mein Auto und mein Haus«. Das ist das anvisierte »Glück auf Erden« und nur damit kann Status und Geltung vermittelt werden. Wer zur Miete wohnt, ist für die ÖVP ein Sozialfall, und wer radelt, lebensmüde oder Alkoholiker*in. So schaut es zumindest auf dem Land aus und da zieht es auch viele Städter*innen bei entsprechendem Erwerbsvermögen hin.

Die Folgen sind unabsehbar. Das ganze Land wird verhüttelt, die Zufahrtswege zum »Eigenheimtraum« versiegeln die Böden. Die Infrastruktur ist einfach landesweit auf Auto gepolt. Ein teures »Klimaticket«, bei dem Wiener*innen auf ihre 365-Euro-Jahreskarte der Wiener Linien nochmal doppelt so viel drauflegen müssen, um in Niederösterreich und im Burgenland die Busse zu benutzen, die es nicht gibt, wird daran wenig ändern. Im Grunde müssten die Öffis für den Umstieg gratis sein und die Finanzierung über Grundsteuer oder Versiegelungssteuer geschehen. Anders gesagt, echte Änderungen müssten her, damit es nicht dauernd neue Straßen gibt. Ein weiter Weg.

Aber auch die Wiener SPÖ, die sich – nicht ganz zu Unrecht – einer stolzen Tradition des Gemeindebaus rühmt, meint, alle Probleme mit Beton lösen zu können. Es gibt keinen anderen Plan für eine gesunde, nachhaltige oder ökologische Konjunktur, weil immer die bestehenden Strukturen bedient werden müssen, und die verlangen nach Bauen, Bauen, Bauen. Ein Herausbauen aus der Krise wird allerdings immer unwahrscheinlicher, weil die endlichen Ressourcen des Planeten in ziemlich naher Zukunft verbraucht sein werden.

Das Glück auf Erden ist der Blick durch die Windschutzscheibe
Die in der Lobau-Frage heiß werdende Umweltproblematik ist mitunter emotional schwer zu vermitteln, weil viele ihre Autos einfach lieben und somit ihre Komplizenschaft zur industriellen Zerstörung akzeptieren. Sie lieben die Bequemlichkeit und so wie sich keine der großen Parteien an die Predigt des Verzichtes von Eigenheimbau heranwagt, ist eine Skepsis gegenüber dem PKW Gift für die Wahlaussichten. In der neuen Ausgabe der »Volksstimme« orakelt Robert Sommer freudig in seinem Essay »Lasst uns tanzen, wo wir tankten«, dass unausweichlich der Autohass steigen wird. Vielleicht ändert sich ja jetzt langsam etwas. Der Philosoph und skug-Autor Kilian Jörg beschäftigt sich schon seit Längerem mit dem Auto als Bild der Moderne und kann vielleicht aufzeigen, wie die Chancen stehen, den Fetisch Automobil zu überwinden.

Die praktische Frage ist nun, wie können die verschiedenen Gruppen von Aktivist*innen kooperieren, sei es die Lobau-Initiative, LINKS oder auch Fridays for Future, die bereits auf dem letzten Salon skug kundtaten, dass sie die Besetzung unterstützen und dabei ein wenig ihre Grundkonzeption hin zu neuer Militanz wandeln. Ohne breite Unterstützung aus der Bevölkerung wird es nicht gehen. Die aktuelle Politik der Grünen im Nationalrat zeigt leider, am Ende wird dann doch das verdorbene Machtspiel weiter mitbetrieben. Nur, was an lebendiger Natur zerstört ist, bleibt zerstört. Darüber tröstet keine immer ermüdendere »Bald kommen Umwelthemen zum Zug«-Rhetorik hinweg.

Am besten vorbeischauen und mitdiskutieren: Dienstag, 12. Oktober 2021, 18:00 Uhr, Diskussionsveranstaltung »Lobau bleibt« im Cafe 7*Stern.