Illustration © Benedikt Haid

Historische Randbemerkungen zur Grundlegung des marxschen Theoriegebäudes

Verstand und Gefühl sind nicht leicht vereint. Innerhalb der skug-Riesenfrage, was es heute bedeutet, links zu sein, muss sich diesem Problem gestellt werden. Karl Marx zumindest optierte während der heißen ideologischen Kämpfe des 19. Jahrhunderts energisch und eindeutig für rationale Lösungen. Anlässlich seines Geburtstages wollen wir daran erinnern.

Etwas vergessen scheint der Umstand, dass das, was wir heute unter den theoretischen Grundlagen des Sozialismus verstehen, in den Wirrnissen eines ideologischen Zwei-Fronten-Krieges entstanden ist. Die Front nach außen ist deutlich: Bourgeoisie und Adel. Aber es gab auch die Auseinandersetzung zwischen Eiferern sozialer Gerechtigkeit, die auf die Gefühle der Unterschicht setzten, und jenen, die wie Marx und Engels mehr den Verstand der Menschen betonten. Exemplarisch lassen sich hier zweierlei Konfliktsituationen ausweisen.

Warum man auch die Köpfe erreichen muss und nicht nur die Herzen
Bereits 1846 geriet insbesondere Marx in Konflikt mit dem Frühsozialisten Wilhelm Weitling (1808–1871), der zehn Jahre zuvor den Bund der Gerechten (später: Bund der Kommunisten) initiiert hatte. (Marx wird diese Vereinigung 1852 auflösen.) Hier ging es nicht nur um Führungsansprüche, sondern um den intellektuellen Zugang zur Arbeiterschaft. Für Weitling war Marx ein Stubengelehrter, der auf die Emotionen der Menschen vergaß. Weitsichtig hatten Marx und Engels erkannt, dass die Revolutionswirren von 1848 nicht die Stunde bringen würden, in der sich das Proletariat einfach holen konnte, was ihm zustand. Tatsächlich war diese Revolution letztlich eine der Mittelschicht, die auf die Arbeiterschaft rasch wieder vergaß.

Der Lyriker und Revolutionär Georg Herwegh (1817–1875) hatte mit Marx schon bei der »Rheinischen Zeitung« zusammengearbeitet. In Paris hatte er die Führung der aus Exilanten zusammengesetzten Deutschen Demokratischen Legion übernommen. Diese griff 1848 in die Badische Revolution ein und wurde im April desselben Jahres von württembergischen Truppen vernichtet. Marx’ und Engels’ eindringliche Warnungen hatte Herwegh in den Wind geschlagen. Nebenbei sollte man bemerken, dass diese Umsturzbemühungen nicht nur Produkt einer Solidarität mit der Arbeiterschaft waren. Nationalistische Motive um die Bemühungen zur Vereinheitlichung der zersplitterten deutschen Regionen sind hier ebenso zu nennen. Deutliche Grenzen zwischen linken und rechten Lagern, wie wir sie heute kennen, waren damals noch schwer auszumachen.

Liebesbriefe in Rot. ATMOTW: raising red flags (© MAG3)

Der Weg zur Elften These über Feuerbach
Man könnte diese Begebenheiten als historische Randnotizen sehen, die vielleicht den mangelnden militärischen Möglichkeiten der Revolutionäre zuzuschreiben wären. Doch Revolutionen sind nicht bloß Angelegenheiten militärischer Agitation. Marx und Engels hatten begriffen, dass es eines theoretischen Fundamentes bedurfte, das von weiten Teilen der Bevölkerung geteilt würde. Wie konnte man Arbeiterführern und ihren Anhängern einen Kommunismus in Aussicht stellen, der sich erst dann verwirklichen lassen würde, wenn aus Analphabeten Theoretiker der politischen Ökonomie geworden waren? Um Stände in Klassen zu verwandeln, die sich selbst überwinden würden, bedurfte es einer naturwissenschaftlichen Weltauffassung: eines Materialismus (u. a.) im Gefolge Darwins. Aber warum ist ein Buch wie »Die Entstehung der Arten« so wichtig für einen Fabrikarbeiter des 19. Jahrhunderts? Was kümmert die Geknechteten Mutation und Selektion oder gar absoluter und relativer Mehrwert?

Die Antwort ist zwar einfach, war aber zur damaligen Zeit (und in Teilen auch noch heute) nur schwer zu vermitteln: Die Entdeckungen von Marx und Darwin eliminieren eine gottgegebene Ordnung zugunsten einer materiellen Natur, die (subjektives) Bewusstsein hervorbringt. Wer den eigenen biologischen Korpus so versteht, muss die ethische Gleichrangigkeit zwischen einzelnen Subjekten anerkennen. Ob nämlich eine Agglomeration von Molekülen sich zufällig zum Kurfürsten von Baden, zu einem Textilfabrikanten pietistischer Prägung oder zur Schreinergesellin Maria Müller gruppiert – niemand von ihnen kann mit Recht beanspruchen, mehr Wert zu haben als der oder die andere. Eine damals nicht selbstverständliche Erkenntnis, deren Adressat eher das gebildete Bürgertum als das hungernde Proletariat sein musste. Schon aufgrund seiner Bildung und seiner relativen Opposition zu Adel und Klerus war die Bourgeoisie der erste Adressat des dialektischen Materialismus.

Aber was bedeutete dies für die realpolitischen Verhältnisse, in denen Marx und Engels lebten? (Zumindest wenn man auf eine stabile gesellschaftliche Ordnung hinarbeiten will.) Man könnte es auf eine einfache Formel bringen: »Erst kommt die Bildung, dann das Brot!« Verständlicherweise war dies revolutionären Arbeitern mitunter schwer nahezubringen. Und es kommt noch schlimmer: Mit dem Bürgertum musste man ja den Feind ins Bett holen! Hatte Marx nicht geschrieben: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an sie zu verändern!« Und was machte dieser Marx nun? Er interpretierte die Welt abermals, und wollte einige Sozialrevolutionäre, die bereits ihre Säbel nach den Futtertrögen des Kapitalismus ausstreckten, vom voreiligen Kampf abhalten. Eine äußerst prekäre Lage!

Die Rheinische in Rot gedruckt, das Objekt der Ausstellung »TheRed« zeigt die letzte von Marx als Chefredakteur herausgegebene Zeitung (© MAG3)

Resignation?
Sind Marx und Engels deshalb an ihrer Aufgabe gescheitert? Meines Erachtens kann man diese Frage mit einem klaren »Nein« beantworten! Sicherlich kann man die totalitären Auswüchse des Ostblocks kritisieren. Auswüchse, mit denen weder Marx noch Engels, aber auch nicht Herwegh, Weitling, Bakunin und so viele andere etwas zu tun hatten. (Siehe unsere Besprechung von »Die Farbe Rot«.) Die Münchner Räterepublik wurde von Faschisten beendet. Kurt Eisner fiel einem Anschlag zum Opfer, Denker wie Erich Mühsam starben im KZ. Pragmatiker eines seriösen Kommunismus wurden ermordet, bevor sie verwirklichen konnten, was scheinbar oppositionelle Lager vielleicht verbunden hätte. Der klassenübergreifende Gedanke wurde stigmatisiert, bevor er sein humanistisches und philanthropisches Potenzial entfalten konnte. Zweifellos gibt es auch in unserer (hauptsächlich) kapitalistisch regierten Welt soziale Errungenschaften. Diese sind zum Teil dermaßen selbstverständlich geworden, dass selbst der oder die rechtsliberale Nutznießer/in derselben nicht mehr über deren Herkunft Bescheid weiß. Ohne ein Werk wie das »Kapital« würden wir in einer weniger aufgeklärten Gesellschaft leben. Auch wenn viele Gebildete meinen, sich so gar nicht damit identifizieren zu können.

Marx und Engels werden aus rein historisch-ideologischen Gründen (fast) nicht mehr an den Universitäten der Wirtschaftswissenschaften gelehrt. Um dies zu begründen werden Ausreden erfunden: Etwa die, dass in einer Dienstleistungsgesellschaft die marxsche Mehrwerttheorie nicht mehr greift. Dies ließe sich aber nur dann stichhaltig begründen, wenn jemand nachweisen könnte, dass eine Dienstleistung keine bezahlte Arbeit wäre. (Was schwierig werden dürfte.)

Eine der wirkmächtigsten Begriffe der neueren Wirtschaftspublizistik ist »Globalisierung«. Wer war es aber, der die Entfesselung der Produktivkräfte, die die Schranken der Länder, Regionen, Sprachen, Gesellschaften und Ressourcen überwindet, als erster im »Kommunistischen Manifest« treffend beschrieben hatte? Karl Marx! Und was hindert uns daran, den modernen Casinokapitalismus mittels des Instrumentes marxscher Begrifflichkeiten zu analysieren? Warum sich dieses trefflichen Werkzeuges zur Beschreibung realer Verhältnisse entledigen? Dafür kann es meines Erachtens nur ideologische Gründe geben, aber genau dies weist darauf hin, dass das Gespenst des Kommunismus von den Theoretikern der Realwirtschaft noch nicht wirklich pensioniert worden ist. Auch wenn man ihn meidet, bleibt Marx das, was er ist: Philanthrop – und der bislang unübertroffene König der Ökonomen!