Fridays For Future Demonstration in Berlin 2019 © Leonhard Lenz, Wikimedia Commons, CC0 1.0

Klimastreik 2021 – Jetzt aber in echt

Am 24. September 2021 rufen Fridays For Future und zahlreiche andere Organisationen zum Klimastreik auch in Österreich auf. Los geht’s zu Mittag am Praterstern. Am Vorabend lädt skug zum vorbereitenden Panel ins Wiener Fluc.

Zunächst ein allgemeiner, aber bedeutender Hinweis. Wenn eine Badewanne überzulaufen droht, dann kann entweder der Wasserhahn zugedreht oder der Abfluss geöffnet werden, um eine Überschwemmung zu verhindern. Ein einfaches und praxisnahes Bild, das leider im Zusammenhang mit dem Klimawandel trügerisch ist. Eine Wanne ist nämlich ein einfaches, das Weltklima hingegen ein komplexes System. So komplex, dass Menschen dafür weder eine echte Vorstellung noch einen Begriff haben.

Viel Seltsames passiert in diesen komplexen Systemen. Wenn es gut läuft, dann gleichen die verschiedenen Faktoren einander aus, und es scheint, als strebe das Ganze zu einer Art Equilibrierung. Große Denker*innen sind über diese Beobachtung eines Ausgleichs im Großen ein wenig verrückt geworden. Sie vermuteten unsichtbare Hände am Werk oder eine prästabilierte Harmonie. Leider ist die Wahrheit vermutlich eine andere. Die Stabilisierung ist immer nur eine zeitweilige, weil jede Equilibrierung wieder kippen kann. Momenthaft und katastrophal ändert sich dann alles, weil die vordem sich ausgleichenden Prozesse plötzlich beginnen, sich wechselseitig zu steigern. Dies geschieht dann so lange, bis eine neue Equilibrierung gefunden wird, in einem neuen Zustand des Systems. Von dem gibt es dann meist kein Zurück mehr zum vorherigen Zustand.

Frage: Wie dumm muss eine Lebensspezies sein, die das Geschenk einer equilibrierten, also einer schönen und gut bewohnbaren Welt ausschlägt, um diese mit Gift und Schadstoffen so lange vollzupumpen, bis alles kippt? Ein Kippen mit unvorhersehbaren Folgen, von denen nur eines klar ist, dass sie menschliches Leben auf diesem Planeten erschweren oder sogar verunmöglichen werden. Diese Frage bitte an die Volksvertreter*innen eigener Wahl weitergeben, verbunden mit der Bitte um Information, was sie dagegen zu tun gedenken. Ansonsten eben unbedingt am 24. September 2021 demonstrieren.

Haben wir uns an die nahe Katastrophe schon gewöhnt?
Nun wird die Gesellschaft gerade »krisenerprobt«. Covid ist in Manchem sicherlich eine Art Testlauf, nur, im Vergleich zum Klimawandel ist die Pandemie trotz all ihrer dramatischen und tragischen Auswirkungen ein Lercherlschas. Auch der unfähigste und verlogenste Bundeskanzler aller Zeiten (regiert der bereits oder kommt der noch?) könnte nicht verhindern, dass eine Pandemie eines Tages vorbei ist. Der Klimawandel hingegen kann sich zur Klimakatastrophe auswachsen und die wird nicht mehr enden. Wenn sich erst einmal das Klimasystem auf einen neuen Zustand eingependelt hat, dann bleibt der leider so. Ein Vorgeschmack ist täglich den Medien zu entnehmen: 55° Celsius in der Athener Innenstadt, in Deutschland verschluckt der unterspülte Boden ganze Dörfer, riesige, nie dagewesene Waldbrände und auf das Eisschild in Grönland regnet es jetzt. Wenn es abtaut (vielleicht sogar bereits bis zum Jahr 2030), dann sind Hafenstädte in aller Welt bedroht oder nicht mehr zu retten.

Eine gewisse Greta Thunberg sagte einmal zu einer versammelten Runde von Entscheider*innen in Davos: »Ich will, dass ihr in Panik geratet!« Wäre jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt dazu. Nur leider, so funktioniert eben Politik nicht. »Weil jetzt so ein Tag ist, ändert man nicht die Politik« sagt der aktuelle CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet nach den katastrophalen Regenfällen in Deutschland, dem Laschet durchaus auch lustige Seiten abgewinnen konnte. Stimmt leider. Denn wichtiger als Einsichten in sich zuspitzende Problemlagen sind die Kräfteverhältnisse und Netzwerke, die hinter einer jeden erfolgreichen Politiker*innenkarriere stecken. Die einzelne Person ist immer der (faule?) Kompromiss der verschiedenen Interessensgruppen. Sie muss diese bedienen, sonst wird sie schnell rausgekegelt. Gravierende Änderungen, deren Notwendigkeit nur von den Allerverbohrtesten geleugnet wird, können deshalb politisch nur stark zeitverzögert umgesetzt werden. Das ist nicht gut.

Wir sind schon so lange grün
Pikant ist hierbei auch das hinlänglich bekannte Faktum, dass sich eine Umweltbewegung bereits vor langer Zeit formiert hat. Überall sitzen Grüne in den Parlamenten und bekleiden höchste Ämter (Vizekanzler und Bundespräsident in Österreich, Ministerpräsident im drittgrößten deutschen Bundesland etc.). Ihre ehemals neuen Ideen wurden von Sozialdemokrat*innen übernommen und auch diese werben jederzeit und überall mit Klimaschutz. Selbst die konservativen und liberalen Parteien bekunden die Notwendigkeit zu Klimamaßnahmen, zumindest sofern diese Gewinne versprechen (»Ökonomie und Ökologie verbinden«). Und? Ergebnisse soweit?

Das Leben der Menschen in Mitteleuropa wird von Jahr zu Jahr umweltschädlicher. Einzig die Corona-Krise verursachte einen Knick im Zuwachs (!) an Schadstoffausstoß. Ein kaum hinterfragtes Verharren in der Wachstumsideologie führt dazu, dass letztlich alle gesellschaftlichen und ökonomischen Handlungen auf ein »Mehr« zielen. Selbst die Energieeinsparungen sollen mit lukrativen Neuinvestitionen erreicht werden. Mit großem Energieaufwand (der nie miteingerechnet wird), sollen deshalb alte Strukturen durch angeblich umweltfreundlichere ersetzt werden. Beispielsweise die bösen Benzinautos durch gute Elektroautos.

Auch die grünsten Politiker*innen wagen sich nicht an die Grundprobleme, dabei müsste ihnen klar sein, wenn so lange Zeit bereits nichts passiert ist, dann hat dies wohl strukturelle Gründe. Einer liegt darin, dass die großen Industriemonopole nicht hinterfragt werden. Es sind nicht Monopole einzelner Konzerne, sondern die Autoindustrie hat beispielsweise ein Monopol auf Mobilität. Das wäre per Federstrich zu brechen. Einfach die Umweltkosten der Automobilität Hersteller*innen und Käufer*innen zahlen lassen und weite Areale für Autos verbieten, damit wieder Mobilitätstrukturen wachsen, die nicht am Auto geeicht sind. Wer das allerdings nur laut zu denken wagt, versenkt alle Chancen an der Wahlurne. Heißt es zumindest.

Fridays For Future
Eine junge, frische und diverse Generation an Klimaaktivist*innen will bei diesem Unsinn nicht mehr mitmachen. Die Mitorganisatorin des Klimastreiks Miriam Hohl: »Wir können nicht mehr warten. Scheinlösungen und ein Weiter-wie-Bisher in grünem Anstrich wird uns immer mehr Menschenleben kosten.« Außerdem Max Pilz von Fridays For Future: »Unsere Proteste zeigen schon Wirkung. Wir dürfen jetzt nicht lockerlassen!«

In jedem Detail zeigt sich die Notwendigkeit eines radikaleren Wandels. Und immer mehr Menschen jeden Alters sind dazu bereit. Selbst wenn dieser mit Komforteinbußen einhergehen sollte. Der Klimastreik am 24. September 2021 wird dies wohl abbilden. Wenn die Katholische Jungschar und die Linkswende gemeinsam zu einer Demo aufrufen, dann darf füglich von einer breiten Koalition gesprochen werden. Das »Gute« an der aktuellen Lage liegt darin, dass dies jetzt eine wirklich internationalistische Aufgabe ist. Alle Menschen dieser Welt kämpfen diesen Kampf gemeinsam. Darüber und manches mehr reden wir in unserem Diskurspanel beim Salon skug am Donnerstag, dem 23. September 2021 im Wiener Fluc, denn die Wanne ist langsam bedrohlich voll.

© Fridays For Future

Links:
https://fridaysforfuture.at/
https://fridaysforfuture.at/events/weltweiter-klimastreik-24-9