Markus Lanz schaut immer betroffen, mitfühlend. In seinem Blick ruhen die Sorgen Deutschlands. Wenn er mit wem von der AfD spricht, dann widerspricht er. Sobald kein dezidiert Rechtsextremer im Studio ist, gibt er der AfD recht. Die faschistischen Deutungsmuster sitzen so tief, dass sie nicht mehr als solche erkannt werden.
Eine Freie-Wähler-Politikerin babbelt in Lanz’ Studio runter, warum sich die Menschen in deutschen Landen so fürchten und was sie voll ungerecht findet. Erraten, es sind die Ausländer. Die bekommen nämlich Geld vom Staat, aber der hat ja nichts mehr! Ein Raunen ginge durchs Publikum, wenn es ein Publikum gäbe. Aber auch das ZDF muss sparen und die Zielegruppe von Lanz pflegt um diese Stunde ohnehin, bereits in den Federn zu liegen. Die meisten Studiogäste übrigens auch, weshalb in Lanz’ Studio die Sessel äußerst bequem sind und Lanz selbst mit seiner Sitzhaltung nur mit großer Mühe gegen die Horizontale ankämpft. Ein Neudesign der Sendung wäre angeraten: Lanz und seine Politgäste kuscheln sich gemeinsam in ein kleinkariertes Federbett, sagen 20 Minuten lang alle das Gleiche und ziehen sich dann die Decke über den Kopf.
Wo waren wir? Ach ja, die Ausländer – bekommen Geld und sind gefährlich. Die Freie Wählerin überlegt. Also sie sei sich ganz sicher, dass das, was sie fordere, eigentlich alle Menschen im Land verstehen, nachvollziehen könnten und eigentlich auch fordern würden. Ja, bis eben auf die anderen (die mit dem Geld und der Gefahr), die haben es aber mal wieder nicht ins Studio geschafft.
Ein ganz kleines Haus würde helfen
Die unreflektierten Gewaltfantasien gehen mit der Frau durch – ein beliebtes Feature der Show. Also die Menschen ungeklärter Herkunft, meint die Freie Wählerin, dürften in Deutschland nicht arbeiten, sich aber frei bewegen! Wenn man die nun zum Arbeiten verpflichten und vielleicht zentraler unterbringen würde? In einem »kleineren Haus«? Vielleicht in einem Haus, das so klein ist, dass man sich darin nicht bewegen kann? Dann würden die sich vielleicht überlegen, das Land doch zu verlassen … Hach, die Freien Wähler würden gerne mehr erzwingen, aber sie dürfen nicht. Noch nicht.
Die Kamera schwenkt auf Lanz. Sorgenvoll senkt er sein Haupt, diagonal auf dem Sitz liegend. Aber er möchte an dieser Stelle nochmals nachfragen. Da sind ja Kriminelle dabei (bei den Ausländern, nicht bei den Freien Wählern), wirklich »schwere Jungs«, die »ordentlich was auf dem Kerbholz haben«. Er überlegt, in seinem Kopf ein Bild vom Räuber Hotzenplotz, allerdings mit dunkler Hautfarbe – grässlich! Und er, Lanz, wolle nochmals nachfragen: »Wie werden wir die los?« Was können wir nur gegen die machen, weil – nicht vergessen – die bekommen ja sogar Geld. Die werden durchgefüttert, solange wir nicht diese wirklich kleinen Häuser haben, in denen die arbeiten müssen und sich nicht bewegen können, bis sie von selbst das Land verlassen.
Spätesten beim Dauerbrenner »straffällige Ausländer« ist der »Kulturkampf« im ZDF entschieden. Es steht 7:0 für die AfD kurz vor Ende der ersten Halbzeit und nach der Pause wird bekanntlich die gegnerische Mannschaft an die Eckfahne gefesselt und die Rechten laufen nur mehr mit Stürmern aufs Feld. (Falls eine zweite Spielzeit noch nötig sein sollte.)
Rechtsstaat anyone?
Markus Lanz versteht schlicht nicht mehr, was ein Rechtsstaat ist. Er weiß auch nicht mehr, was Menschenrechte sind. Sicherlich, wenn man ihn danach fragt, würde er eine lexikalisch korrekte Antwort liefern, aber in seinen Krawallrunden ist dies alles vergessen. Die Freie Wählerin beantworte Lanz dann noch schnell seine energische Frage, pointiert fasst sie das Elend Deutschlands in einem Satz zusammen: Wenn die Ausländer straffällig werden, kommen sie ins Gefängnis, aber wenn sie die Strafe abgesessen haben, dann laufen sie ja wieder frei herum!
Wir hören in der Ferne, wie soeben Björn Höckes Arsch vor Begeisterung explodiert ist. Markus Lanz und das ganze ZDF haben aufgegeben. Ein Rechtsstaat, der alle Menschen in Deutschland schützt, der Strafen verhängt, die zur Rehabilitierung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft dienen sollen, ein Sozialstaat, der allen Menschen ein würdiges Leben ermöglicht – all diese Dinge sind eine ferne Erinnerung. Sie wurden Opfer im »Kulturkampf« um die Herzen der Frustrierten. Nur mehr Unmenschlichkeit, Hohn und Missachtung für das Leid anderer Menschen dringen durch. Gute Nacht, Markus, gute Nacht, ZDF, und gute Nacht, Deutschland. Ruhe sanft.
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