Sun Ra Arkestra

»Swirling«

Strut

Das seit über 60 Jahren unverwüstliche Sun Ra Arkestra meldet sich unter der Leitung des ebenso unverwüstlichen Marshall Allen (Alter: 96!) mit der ersten Studioplatte seit 20 Jahren zurück. Sun Ra selbst reist schon seit 1993 in anderen Sphären und auch John Gilmore weilt schon seit vielen Jahren nicht mehr unter uns. Besagter Marshall Allen hält seither das Motto »Space Is the Place« hoch und tourt mit dem Arkestra bis heute um den Globus. »No matter who you are, no matter what you do, we live in the space age.« Ja, in seltsamen Zeiten leben wir in der Tat und da könnte »Swirling« nicht passender daherkommen. Wie eine optimistische, unverschlüsselte Nachricht aus einem fernen Sonnenkosmos erreicht uns dieses Album und dadurch fühlt sich 2020 nicht nur wie ein »Sea of Darkness« an, sondern eben wie das aufregende »Space Age«. Danke, Marshall Allen! Getragen wird das Album von der immer wieder auftauchenden kräftigen Stimme der Sängerin Tara Middleton (die auch an der Geige zu hören ist), die mal allein, mal im Chor mit dem singenden Orchester kosmische Parolen kommuniziert. Eine Mischung aus bewährten Sun-Ra-Tunes (z. B. »Angels and Demons at Play«), einem erstmals aufgenommenen Sun-Ra-Stück (»Darkness«) und einer Marshall-Allen-Premiere, dem titelgebenden »Swirling«. Und gerade Letzteres stellt eine besondere Überraschung dar, ist es doch eine swingende und fetzende Komposition, die nach einer Arkestra-Interpretation des Count Basie Orchestra klingt. Das Arkestra hat in der Vergangenheit schon oft geswingt, aber mit den tontechnischen Möglichkeiten des 21. Jahrhundert öffnen sich da nochmal neue klangliche Tiefen. Überhaupt: der Sound! Das Album klingt sauber und transparent, aber nie spießig oder zu aufgeräumt. Die schrillen Bläser-Parts, der gelegentlich durchgondelnde Space-Synth, die E-Gitarre oder diverse Percussion-Instrumente sorgen dafür, dass man sich in den gewohnt seltsamen Klangsphären wiederfindet. Um hier aber nicht den Glauben aufkommen zu lassen, es handle sich um ein Swing-Album: Keineswegs! Es wird auch getrötet, gequietscht, gehämmert, gefiedelt und geshreddert, dass es eine reine Freude ist. Ein vollständiges Sun-Ra-Arkestra-Album im Geiste des kosmischen Meisters, das weder wie ein Resümee noch wie ein Abschied klingt, was nach über 60 Dienstjahren einer Band durchaus sehr bemerkenswert ist.