Leo Brouwer

Rara

Deutsche Grammophon

»Klassische Gitarre« ist ein sehr kompliziertes Feld. Zu dröge oder störend oder fehl am Platze, wenn sie mit anderen Instrumenten konkurrieren muss. Aber Ausnahmen sind ja bekanntlich auch nur Regeln. Brouwer ist ein Genie und ein Ausnahmegitarrist, doch für lange Zeit verwehrte ihm die »offizielle« Klassik jegliche Anerkennung. Liegt es vielleicht an seiner kubanischen Herkunft und dem immer präsenten kubanischen Sound? Nichtsdestoweniger, es ist spannend und aufregend, zeitgenössische Gitarrenmusik mit karibischem Flair interpretiert zu genießen. Man hört es sofort: die Aufnahmen stammen aus den goldenen Jahren der Experimente (1970-73), und wenn man es wagt sich auf das Album einzulassen, kann man sich nach kurzer Zeit verlieren, und Bouwers Gitarre schwebt ohne jeden Ankerpunkt. Allein der Sound und die Musik. Ich denke unweigerlich an zwei andere Meister, Baden Powell und Eugene Chadbourne und daran, dass man diese Form nicht ein zweites Mal hören wird. Das Album steht da wie ein Denkmal, gleich der Radio-Phase von Cage in den 1970ern, oder den endlosen Soli-Schlachten zwischen Carlos Santana und Jerry Garcia, oder John McLaughlins »My Goals Beyond«. Ein überwältigendes Album in einer überwältigenden Serie (»Music of our time«). Der selbe Katalog bietet uns zu Recht auch noch Berio, Boulez, Messiaen und Ligeti an.