Niels Frevert

»Paradies der falschen Dinge«

Grönland

Niels Frevert war Anfang der 1990er-Jahre Sänger der Band Nationalgalerie, die mit »Evelin« (1993) sogar einen kleinen Hit einfahren konnte. »Paradies der falschen Dinge« (PDFD) ist Freverts fünftes Soloalbum, dem ein Labelwechsel zu Herbert Grönemeyers Label vorausging. Stilistisch manifestiert sich das in einem üppigeren, an Burt Bacharach erinnernden Sound mit jeder Menge Streicher und Bläser. Vom Hamburger-Schule-Rock von Nationalgalerie hatte sich der 46-jährige ja schon in den vorangegangenen, kargeren Soloalben emanzipiert, jetzt ist der talentierte Texter bei einer Art Bigband-Schlager mit Anspruch angekommen. Den Mix übernahm der gar nicht so genretypische Olsen Involtini, der sonst eher bei Seed oder Peter Fox Hand anlegt. Orchestraler Pomp hin oder her, am Ende ist es nur der Song, der funktionieren muss. Und man möchte Frevert durchaus zuhören, wie er seine durchwegs vom Klavier und Gitarre grundierten Stücke interpretiert. Als freie Assoziationen tauchen Tilman Rossmy, und in manchen Passagen gar Blumfeld in der Umbruchphase mit »Old Nobody« auf, es könnte schlimmer sein. Echt eigenwillig sind aber Freverts in gefällige Melodien gepackte, leicht fremdelnde Texte. Etwa im melodramatischen Chanson »Morgen ist egal«, in dem die/eine Geliebte betrunken an der Tür kratzt, und sich der Mann für ein paar Stunden der Illusion hingibt: »Ohne dich ist mir einsam und kalt, und morgen – morgen ist egal«, was bei Frevert fast kitschfrei daherkommt. Vom totalen Schlager trennt ihn auch eine gewisse Flapsigkeit. »Du bist erste Klasse, ich bin zweite – triffst du mich im Speisewagen?« ist so eine Zeile, oder: »und plötzlich will ich irgendwann mal alt werden«, aus dem Song, der den Titel »Das mit dem Glcklichsein ist relativ« bekommen hat. Das mit dem guten Song lässt sich am besten im nur mit gezupfter Klampfe untermalten, traurigen finalen Stück »Loch in der Atmosphäre« überprüfen. Mit PDFD gelingt es dem Hamburger aus dem scheinbar Banalem, Unspektakulären, kombiniert mit dem Spiel von Sein und Schein, in dem es ausgesprochen wird, eine berührende Platte zu machen. Gehobener Mainstream, wie es Frevert selber nennt, den man hören kann, ohne sich dafür genieren zu müssen.