Nils Frahm

»Music For The Motion Picture Victoria«

Erased Tapes Records

Der Hamburger Pianist und Komponist mit dem existenzialistischen Hipsterbärtchen veröffentlichte 2005 sein erstes Werk (die CD mit dem schönen Titel »Streichelfisch«) und wanderte bald darauf zu Erased Tapes, einem mittlerweile ziemlich angesagten Londoner Label für arty music und mit großem Faible für deutsche Künstler. 2011 gelang Frahm mit dem Album »Felt« ein großartiges Kunststückchen (siehe auch http://www.skug.at/article5766.htm). Sein zuvor bereits in Richtung eines handelsüblichen Crossovers von ambient und minimal music gehender Stil (nicht umsonst die bevorzugte Musikrichtung für harmonieneurotische Hipster) machte einen Schritt nach vorne und wurde zu einer fast schon intimen Soundertastung, was ganz großartig funktionierte. Frahms legte ein paar manierliche Arbeiten nach, übersah aber, dass der Pfad in Richtung Intimität (an dessen Ende natürlich nichts weniger wartet als die geneigte Hörerin, die das Herz des Komponisten mit ihren Ohrenzähnen verschlingen möchte) der ruhmvollere gewesen wäre. Er begnügte sich stattdessen mit dem Pfad in Richtung Soundschickness und Eventhipness. So kreierte Frahm für sein letztes Album »Solo« einen »Piano Day«, verschenkte das Album gratis an seine Fans, damit diese stattdessen Geld spenden, um den Bau des größten Pianos der Welt, des Klavins 450, zu ermöglichen. Eh coole Sache, nur das Album war eher mau. Nun hat Frahms seinen ersten Soundtrack gemacht. Ausgerechnet zum angesagtesten Film des Sommers, »Victoria«, die in einer Einstellung gedrehte improvisierte Schauspiel-tour-de-force des deutschen Regisseurs Sebastian Schipper. So sehenswert der Film ist, so verzichtbar ist der Soundtrack. Nicht, dass auch nicht diese CD wieder hübschen, gefälligen, teilweise auch raffinierten Schlummerambient für Klavier und Cello bietet, aber ganz ehrlich, diese Tracks könnten zu jedem Arthaus-Film passen, der irgendein Thema zwischen urbaner Vereinsamung und neoliberaler Wohlstandsdepression verhandelt. Aber der Grad zwischen unaufgeregter, unspektakulärer und unverbrauchter Musik ist eben ein sehr enger. Hier war er so eng, dass für die Unverbrauchtheit kein Platz mehr war.