James Chance & The Contortions

»Incorrigible«

Broken Silence

»And now a little something for all those of you who live in the past. And that?s about 99% of you idiots out there.« Das schleudert James Chance seinen Zuschauern entgegen, bevor er ihnen einen dekonstruierten, widerborstigen »Jailhouse Rock« vor die Fü&szlige wirft. Zu hören auf seinem ersten Album »Buy« aus dem Jahr 1979. Mittlerweile ist Chance also selbst ein Teil der Geschichte. Nun hat die kurze Phase des No Wave, den James Chance mit seinen Contortions ma&szliggeblich prägte, nie die mediale Präsenz des Rock’n?Roll der 1950er oder 1960er erlangt. Heute noch mehr als damals scheint der kurze, aber folgenreiche Eingriff der New Yorker Bewegung eine Sache von absoluten Auskennern zu sein. Trotzdem stellt sich die Frage, ob Chance nicht auch zu einem Idioten geworden ist, der in der Vergangenheit lebt. Kein Zweifel: Les Contortions, Chances französische Begleitband auf Europa-Tourneen, spielen so abgehackt und stachelig und doch so groovy und tight wie es die New Yorker Contortions von einst nicht besser hinbekommen hätten. Chance selbst singt und kreischt und bläst in sein Saxophon so wütend und höhnisch wie einst sein junges Gegenstück, auch wenn er dabei manchmal dem Drawl eines Befehle gebenden Jim Morrison näher kommt als dem eines anklagenden Richard Hell (oder eben James Chance). Die Texte sind bitter wie eh und je. Chance erweist sich also in der Tat als »incorrigible«; unverbesserlich folgt er seiner Vision. Gerade deswegen stellt sich aber die Frage: Was passiert, wenn der Kontext einer Musik wegbricht? Anders gefragt: was sagt uns diese Musik, die wie 1979 klingt, im Jahr 2012? Eines jedenfalls ist gleich geblieben: Die ruppige, oft atonale Mutation aus Free Jazz, Funk und Punkrock wirkt heute noch genauso irritierend und unerhört wie zu Zeiten, als das CBGB noch ein relevanter Live-Club und kein leerer T-Shirt-Schriftzug war. Verändert hat sich aber der Status dieser Musik, wofür Chance nicht einmal etwas kann: Sie ist nun eher Avantgarde-Kunst als rebellischer (Anti-)Pop, registriert nur noch von Spezialisten, anstelle einer lebendigen Szene. Und, weil sie sich jeglichen aktuellen Entwicklungen verschlie&szligt, letztendlich doch out of date. Man muss Chance allerdings zu Gute halten, dass er sich all die Jahre seinen tief empfundenen Ekel gegenüber der Welt erhalten hat. Etwas milde wird er nur in zwei Cover-Versionen: Gil Scott-Herons »Home Is Where The Hatred Is« und »Yesterdays« von Billie Holiday. Für die Idioten, die in der Vergangenheit leben?