Ifriqiyya Electrique

»Laylet el Booree«

Glitterbeat/Hoanzl

Die Sahara bietet nicht nur viel Sand, sondern auch reichhaltig richtig gute Musik, vom Süd-Westen in Mali bis in den Nord-Osten nach Tunesien. Gianna Greco und François R. Cambuzat hat es nach inspirativen Ausflügen in die Uiguren-Region in China und nach Kurdistan in die Wüste Tunesiens verschlagen, um sich dort mit dem Banga-Ritualtanz zu befassen. Mit ihrem Post-Punk-Background aus Kontinental-Europa im Gepäck stießen sie erst auf Irritation, doch im Laufe eines Rituals fand man schnell heraus, dass es für viele in der Musik um dasselbe geht, also um eine Art Reinigung, Spaß, Freude, Ausgelassenheit oder irgendwas Metaphysisches. Sinnlichkeit. Man konnte gewisse kulturelle Grenzen schnell überwinden. Diese eigentlich nicht für ein westliches Publikum gedachte Musik funktionierte so gut, dass man es sich doch anders überlegte und expandierte: Nach dem 2017er-Album »Rûwâhîne« hat sich zum Quintett mit Tarek Sultan, Yahia Chouchen und Youssef Ghazala noch Fatma Chebbi hinzugesellt, die den Gesang (in Hausa-Adschami, der ursprünglich von den als Sklaven hergebrachten Hausa gesprochenen Sprache) und die Percussionen verstärkt. Der Begriff »Banga« bedeutet im Tunesischen so viel wie »hohe Lautstärke«, maximal und ohne Zurückhaltung also. Und so klingt das auch: Der Rhythmus sufischer Ritualmusik gepaart mit dem Sound des Post-Punk ergeben einen frischen Experimental-Rock-Sound, mit viel Impro, nach vorne preschend, staubtrocken. Das erinnert an die Power eines Swans-Rituals, ähnlich »groovy«, nur nicht so düster-industrial, zumindest auf dem neuen Longplayer, der im Vergleich songorientierter ist als sein Vorgänger. Auch Sven Väth würde sich über die »energy in the music« freuen, geht es doch vor allem um die Energie in der Musik, die beim Spiel und Tanz freigesetzt wird und um sich schlägt: Den letzten Song der Platte, das über zehnminütige »Galoo Sahara Laleet El Aeed«, könnte er in eines seiner Sets einbauen. Einziger Wermutstropfen an der Geschichte: Sieht man die Videos, scheinen es vor allem die Männer zu sein, die in den Genuss der Ausgelassenheit kommen. Zumindest in der Band selbst ist der Anteil an Frauen weitgehend ausgeglichen.