Neil Young

»Hitchhiker«

Warner

1976 war diese Kollektion an denkwürdigen Liedern, hauptsächlich abgespeckt auf Klampfe und Stimme, dem Reprise-Label zu wenig kommerziell. Zu roh und ausgereift, dachte wohl auch David Briggs, der dieses Album im Indigo Studio, in Kaliforniens Malibu Hills, mit wunderbarem Ausblick auf den pazifischen Ozean, produzierte. Mit 41 Jahren Verspätung erfolgte im September 2017 die Veröffentlichung eines Klassikers. »Pocahontas«, »Powderfinger« (beide released auf dem Album »Rust Never Sleeps«, 1979) und »Human Highway« (vom Album »Comes a Time«, 1978) sind wahre Schlachtrösser, von Crazy Horse zur elektrischen Feedback-Blüte gebracht, die bereits in der skelettösen Urversion ihre zeitlose Wirkung entfalten. Diese Songs sind außerdem großartige politische Statements Neil Youngs, voran »Pocahontas«, gewidmet der nach England entführten Häuptlingstochter. Mit ihr und Marlon Brando, ebenfalls ein Kämpfer für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner, sitzt er am Lagerfeuer, genießt das Gefühl von Freiheit unter der Weite des nächtlichen Sternenhimmels und wünscht sich ein friedliches Zusammenleben von Indianern und Weißen. Leider immer noch eine Utopie. »Captain Kennedy« ist eines der schönsten Antikriegslieder, über einen Marine, der dereinst doch töten wird. Und selbst das Verfehlen eines Ziels gerinnt zu einem Ereignis. Der Sprecher spricht, aber die Wahrheit entrinnt. Tja, sogar Richard Nixon, an dem sich Young in mehreren Songs abgearbeitet hat, zeigt in »Campaigner« Gefühle. »Hitchhiker« kann mit Drogengebrauchsschilderung durchaus autobiografisch verstanden werden, wie auch nicht zu kurz kommende Befindlichkeitssongs. »Give Me Strength« ist ein Jemanden-Verlassen-Wollen-Bewältigungslied, in dem noch starke Sehnsucht spürbar ist. Und im Finale, dem »The Old Country Waltz«, kommt alles zusammen, was das Soloschaffen Neil Youngs ausmacht: Gibson-Gitarre, Piano und hier kurz eingestreute Harp. Beim Ûberwinden einer verblichenen Liebe wird das Intonieren dieses rührend-melancholischen Country-Haderns zum Lebenselixier. Was auch für dieses Album gelten mag, denn auch der akustische Neil Young hat es in sich. Fazit: Das Urmaterial ist dermaßen gut, dass es Neil Young in anderen Versionen auf diversen Alben erstrahlen lässt.

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