Julia Holter

»Have You In My Wilderness«

Domino

Etwas länger im Geschäft ist die geheimnisvolle Kalifornierin Julia Holter. Mit ihren bisherigen drei Alben war sie für ein großes Publikum zu sperrig, das könnte sich mit »Have You In My Wilderness« aber ändern. Bezugnahmen auf AutorInnen wie Frank O’Hara, Colette oder Virginia Woolf gibt es keine mehr, man rückt ihr also auch textlich näher. Der Aufnahmeprozess soll sehr langwierig und aufreibend gewesen sein, gelohnt hat es sich auf jeden Fall. Die neue Eingängigkeit beginnt schon beim schmissigen »Feel You« mit Streichergrandezza, eckigen Drums, verhallter Stimme und kecker Melodie. Eine gewisse Schwere hat das düstere »How Long«, das große Fragen an ein imaginäres Gegenüber stellt in einem Soundkleid, das gepeinigte Seelen streichelt. In diesen zurückhaltenden Songs klingt Holter ein wenig wie Stina Nordenstam, die ausgelasseneren Momente rücken sie in die Nähe von Kate Bush, wobei Julee Cruise (Twin Peaks) immer wieder um die Ecke spechtelt. Man könnte der 30-Jährigen unterstellen, sie würde gern mehr Platten verkaufen (wer nicht?), doch diese wunderbaren, intimen Songs sind über jeden Verdacht erhaben. Astrein und aalglatt ist hier nämlich fast nichts, oft kaum vernehmbar bilden Fiepsen, Knirschen und Knarzen immer wieder einen nicht eben samtenen Untergrund. Dazu kommen völlig aus der Zeit gefallene Beats, die den Wiederkennungswert noch verstärken. Der Ambientanteil ist gegenüber den Vorgängeralben stark geschrumpft zugunsten von Stücken, die man beinahe mitsingen kann. Etwa »When Sea Calls Me Home«, das beginnt wie eine Komposition von Van Dyke Parks, in einem Refrain mit großartiger Melodie kulminiert, und gegen Ende noch ein exaltiertes Saxophonsolo auffährt wie man es gern öfter hören würde. Manchmal, etwa in »Night Song«, bekommt man das Gefühl, Julia würde einem direkt ins Ohr singen, was in dieser Unpeinlichkeit nur wenigen gelingt. Holter’s größtes Verdienst jedoch ist dass sie es schafft, ihre Musik in ungewöhnlichem Ausmaß geheimnisvoll klingen zu lassen. Es gelingt nicht, diese Stücke auf instrumentaler wie auf gesanglicher/sprachlicher Ebene zu durchdringen, was eine lange Halbwertszeit wie garantiert.

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