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Various Artists

»Gerne als Swap oder auch gegen ein bisschen Geld«

Schamoni Musik

Es beginnt mit zerstückelten Politikerreden, die auch gleich von einem akustischen Kettensägenmassaker zerfetzt werden. Im Hintergrund verklingen noch Beifall und Applaus.
Die Raketenbasis Haberlandstraße machte bis jetzt hauptsächlich mit liebevollen Releases auf Kassette auf sich aufmerksam (Fagottmädchen, Das Beste von Gestern zum Preis von Morgen, Presseschau Austria, Bullenfreunde 2K14).
Dahinter steckt Sascha Schierloh, der Stücke von Genoveva DMS, Mortobello Steril oder seinem alten Ego David Sardelle selektiert und schaut, dass die Musik aus München-Pasing mithilfe des Kassettenlabels über den Vorstadttellerrand in den Rest der Republik und der Welt schwappt.
»Gerne als Swap« ist die zweite Vinyl-Veröffentlichung aus der Raketenbasis und diesmal eine Kollaboration mit Schamoni Musik und dessen Gründer und Betreiber Sebastian Schnitzenbaumer. Als Belp ist er der Höhlenforscher unter den Elektronikern, der im hypnotisierenden Tunnel umherirrt, zwischen bedrohlicher S-Bahn Unterführung und Endzeit-Techno nach dem Hörsturz. So passt es dann auch wunderbar, dass diese beiden Freaks sich auf dem Album in einer Art Ping-Pong abwechselnd die Tracks zu spielen.
Wobei es mehr einer Mega-Collage als einzelnen Tracks gleicht, aber dafür auch alles andere, als ein homogener Mix ist, sondern ein Ûberschneiden der Sounds.
Bei »Ich musste mal im Sommer Weihnachtslieder schreiben« etwa, wenn kurze Schlager Samples vollkommen deplatziert wirken, so als würde man wild am Radio-Tuner herumdrehen.
Bei »Nachtbus In Veddel« montiert Mortobello Steril die Sprachfetzen im Stil von Steve Reich, bis sie sich im Stimmengewirr verlieren und bis zur Verwischung der Grenzen wiederholen.Manchmal ist das zu dick aufgetragen wiebei Belps »Sunrise Over Japan«, zwei Beats scheinen gleichzeitig abzulaufen, beißen sich im Tempo und man wünscht sich einen davon auszuschalten. Totale Reizüberflutung in Japan? Belp überspannt eben gerne den Bogen und am Ende filtert sich dann doch ein essenzieller Beat heraus. Gebratzel und Gebrutzel bei Kneek Kneek Knock Knock: Belp klopft die Tropfsteinhöhle auseinander, dabei gehen alle Frequenzen zu Bruch. Das Album endet im total verspulten Finale aus rückwärts ablaufenden Orgeln und Weiß-grauem Rauschen. Kopfkino für Kopflose. David Sardelle schraubt den Kopf ab, die Verbindungen der Synapsen werden gekappt. Die Welt wird komplizierter und komplexer. Die Tendenz im Pop, im Indie und auch im Elektro scheint es aber zu sein einfache Antworten produzieren zu wollen. Am deutlichsten wird das an Retrophänomenen wie der Renaissance des 90er-Jahre-House: Nach den Dubstep-Eskapaden wieder in geregelte 4/4-Bahnen zurückkehren. Diese Platte setzt ein Gegenstatement und wirft einen sprichwörtlich aus der Bahn: für Zerstreuung und gegen einfache Lösungen. Statt eine Heile Welt zu konstruieren werden gewohnte Gegebenheiten und Hörmuster zerstört. Somit passt der Sound vielleicht besser in eine Ausstellung als in den Club, doch dem Kunstaltar oder dem Soundart-Tempel wollen Belp und die Raketenbasis das Album sicher nicht opfern. Dafür brodelt es zu sehr nach rohem Untergrund, zu dreckig für die Gallerie.

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