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»Eskaliert und hyperventiliert.« Die Wege einer Szene sind uferlos, seltsam, kaum fassbar. Die üblich blöden Majorbeutel hatten deutschen Dancehall schon nach wenigen Monaten Post-Seeed wieder als Eintagsfliege abgeschrieben und verdammten die gesund rappelnde, ratternde, swingende Posse from Baden bis Potsdam wieder zum Soundsystem-Zierrat in immer fahler werdenden Deutsch-Hop-Videos, zu popelnden Ragga-Clowns als ewige Gaststars bei den »Großen«. Doch die Partees, das Netzwerk, der Songoutput boomen wie ein Höllenfeuer im Kommerzbabylon der EU. DHF und Rootdown bilden da die griffigsten Anlaufstellen mit den Cojones tief in der echten Germaican Ursuppe. Und bietet der dritte Teil vom Fieber die bislang arschkickendste Prachtpackung an Hitz-Riddims, Version-Chimes und sweet gewitztem Toast-Gedribbel. Ganz ohne Starnamen wie Monsieur de Delay, gibt’s keinen Klunker im deutsch transferierten Jamaika-Jam. Weg der Nerd-Humor, weg das Pseudo-Bullytum, weg der Sellassie-Mystizismus. Nur mehr Style und tiefe Seele – mit wesentlich mehr Wortwitz, mehr Politfäusteln und manchmal sogar mehr Sensimilia in den Ganglien als die Kingstoner Stammbäume. Egal ob Thai Stylees kickblutender Bariton, die famos auf Langstrumpf-Funbasis nach Rhythm’n’Blues und WorldHop abdampfende Girlbande Ischen Impossible oder der schmucke Grübel-Marley Maxim. Egal ob das militante Zwölfton-Intro, das bei den Münchnern Raggabund in einen FirstClass-Floorstomper mündet, oder die Synthline von Cures »Close to me«, die Nikitamans Welthit »Einfach nur ein Lied« unterbetten darf – was hier abgeht, ist zehn Tanker fetter als alles, was die Currywurst-B-Boys vor zehn Jahren an den Start brachten. Respekt!

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Text
Paul Poet

Veröffentlichung
22.10.2003

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