Fanga, Foto © Youri Lenquete

Comunidad Internacional #9

Die musikalische Weltreise beginnt mit einer Rumba congolaise. Nach einem Zwischenstopp bei frankophiler Gnawa-Musik aus Marokko landen wir im rockenden Nigeria. Analog Afrika beweist wieder einmal die Grenzenlosigkeit der Musik und schlussendlich entführt uns Harri Stojka nach Indien.

STAFF BENDA BILILI: Ihr erstes Album vor drei Jahren (»Tres Tres Fort«) wurde von der Musikpresse ausnahmslos freundlich aufgenommen. Das neue, »Bouger Le Monde!« ( Crammed Disc/Lotus), sollte begeistern, weil die Band besser wurde, sowohl an den Instrumenten als auch beim Songwriting. War das Debüt noch wie geschaffen für den breiten Weltmusikmarkt, zelebriert dieses nun im Wesentlichen klassische kongolesische Musik, sprich: die Tradition der Rumba congolaise, wie sie in den Sechzigern und Siebzigern gespielt wurde. Retro-Sound also? – Ja und nein. Nein insofern, als die Band das nicht geringe Kunststück schafft, die kongolesische Musik, die in den Achtzigern mit dem dann Soukous genannten Stil in die Moebiusschleife geriet, zu reanimieren. Das gelingt einerseits mit diversen Crossovers in andere (nicht nur) afrikanische Stile, anderseits indem dem klassischen Gitarren-Soukous-Stil eine kräftige Infusion alter Afro-Latin-Rhythmen verabreicht wird. Diese Frischzellenkur wirkt Wunder!

Die französische Band FANGA spielte bis dato vor allem einen funkigen Afrobeat-Stil mit gelegentlichen Exkursionen, z. B. Richtung Fuji. Mit »Fangana Experience« (Strut/Hoanzl) unternehmen sie nun aber gemeinsam mit dem Marokkaner Maalem Abdallah Guinéa einen ungewöhnlichen Versuch: Sie verweben ihre Musik mit der rituell-hypnotischen, sehr percussiven Gnawa-Musik Marokkos, die dort v. a. von einer ethnischen Minderheit, Nachfahren von südlich der Sahara stammenden Sklaven, gespielt wird. Der Band aus Montpellier gelingt das Kunststück einer völlig gewachsen klingenden Fusion.

Was wie ein Song von Cream beginnt, ist schon wenige Takte später klar als Afro-Rock der frühen Siebziger aus Nigeria identifizierbar – mit Attributen englischer Rockbands jener Tage. Diese Musik ist percussiv, repetitiv, hypnotisch, gelegentlich psychedelisch angehaucht, was auch auf die allgegenwärtige dominante grindig-schrille Orgel zurückzuführen ist. Das Gros von CD1 dieser Doppel- CD von TUNJI OYELANA, »A Nigerian Retrospective 1966-1979« (Soundway/Indigo), ist – abgesehen von einem Calypso – rockorientiert, wenn auch mit funkigem Jazz vermischt. Sensationell ist CD2, die die volle Palette afrikanischer populärer Stile jener Zeit integriert: Highlife, Juju, Fuji, Afrobeat und selbst Rumba congolaise werden mit Reggae, Funk und Disco zu einem dichten, mitrei&szligenden Gebräu fusioniert, wie ich das bislang nur bei einer weiteren nigerianischen Legende, Fred Fisher, gehört habe.

Nummer 12 von Analog Africa: »Diablos del Ritmo. The Colombian Melting Point 1965-1985« (Groove Attack/GoodToGo). Analog Africa ist in seiner musikalischen Ideologie ja immer meist »leftfield« des Mainstream: Diese Doppel-CD ist zwar in einen »konventionellen« und einen »Fusion«-Teil geteilt, doch schon der erste Song auf der traditionelleren CD2 macht klar, dass die Auswahl sich auch hier auf Experimentelles richtet. Klassisch Cumbia ist hier kaum etwas; Son Montuno oder Salsa spielen teils kräftig mit. Insbesondere aber CD1 ist einem breiten, modernen Stilmix gewidmet: Afrikanische und kubanische Rhythmen, Stile und Sounds werden mit den landesüblichen Genres wie Cumbia oder Porro fusioniert. Den Zündstoff für diese Mischung liefert eine hohe Dosis Funk. Zu den wenigen bekannten Namen dieser CD1 gehört Wganda Kenya, hier mit zwei Afrobeatlastigen Songs. Grupo Folclórico bringen mit »Juipiti« einen Ryhthmus, den man glatt auf einer aktuellen Kuduro oder Kizomba-Compilation unterbringen könnte. ?ber die zahlreichen Verstrickungen über die Kontinente hinweg gibt ein detailliertes Booklet Auskunft.

HARRI STOJKA auf den Spuren seiner Gypsy-Roots bzw. jener seiner Musik in Indien: Von seinem Indien-Reiseabenteuer zusammen mit dem Geiger Moša Šišic und ihrem Versuch einer musikalischen Annäherung gibt es einen witzigen Film, »Gypsy Spirit«. Etwas später präsentierte Stojka mit Band im Rahmen von Salam Orient ein Konzert mit einer Auswahl jener indischen Musiker, mit denen man damals Freundschaft geschlossen hatte – das lief schon recht rund. »India Express« (Hoanzl) ist nun quasi der Tonträger zum Projekt, eine Jamsession, die aber die beiden Welten zum Glück nicht krampfhaft fusionieren möchte, sondern diese auch immer wieder einfach nebeneinander stehen lässt.