Jlin

»Black Origami«

Planet Mu

Jerrilynn Patton aka Jlin kommt aus der Stahlstadt Gary, Indiana, 45 Autominuten entfernt von Chicago, wo sich Footwork aus Ghetto House entwickelte. Und als Elektronik-Musikproduzentin Jlin ist sie nun diejenige, die wesentlich dazu beiträgt, das Battle-Dance-Genre auf eine Metaebene zu heben bzw. gar hinter sich zu lassen. Atemberaubend war der Live-Gig der Afroamerikanerin beim Hyperreality Festival in Wien: Eine perkussive Armada zischte aus der PA und es machte eine Riesenfreude, zu ihrem druckvollen Set zu tanzen. Meta bezieht sich also auf die so noch nie gehörte Verwendung von massiven Drumrolls und raffinierten, perkussiven Schichtungen, die auf ihrem Album bei etwas mehr als Zimmerlautstärke ebenso grandios wirken. Die Betonung liegt dabei auf der afrofuturistischen Weiterentwicklung der Talking Drum, die Urahnen als Verständigungsmittel und Ritualmusikinstrument diente. Naheliegend, dass der Track »Nandi« nach der Mutter des Zulukriegers Shaka benannt ist oder »Hatshepsut« nach einer Pharaonin in der ägyptischen Hochkultur.
Jeder Track des Albums weist Footwork-typische Ingredienzien auf: etwa kürzeste Vocalschnipsel in einer rapiden Repetitionsschleife oder eine wild wuchernde Bassdrumline. Neu und herausragend, und der Titeltrack steht dafür: Jlin schafft analog zur japanischen Papierfaltkunst nahezu aus dem Nichts zunächst simple Drumsequenzen, die sie dann in mühevoller Kleinarbeit zu komplexen Soundkonstruktionen ausbaut. Ratternde, rasselnde, klappernde Geräusche, die sich zu einem ozeanischen Ganzen fügen. Die sorgfältig edierten Percussionpatterns entfalten einen ungeheuren Sog, eine vitale Kraft, egal ob elegische Stimmharmonien wie in »Holy Child« (Co-Work mit William Basinski), die Melodie führen oder ein eher klassischer Footwork-Track die Ohren lustwandeln lässt. Allein was in »Enigma« an herumwirbelnden und -schwirrenden Drumpatterns los ist, wäre eine nähere Beschreibung wert. Und trotz der scheinbaren Wildheit dieser schnell durch Raum und Zeit irrlichternden Instrumentals ist Jlins Musik von hoher Eleganz. Kein Wunder, dass weitere Szenegrößen ebenfalls mit Jlin kollaborieren: Holly Herndon im beinahe songorientierten »1 %« (wohl eine Anspielung auf die 1 % Reichen, die Verteilungsgerechtigkeit verhindern), ihr Duopartner Fawkes (»Calcination«) und Kapstadts Rapper Dope Saint Jude, der in »Never Created, Never Destroyed« Queerness und Rassenpolitik durchklingen lässt. »Challenge (To Be Continued)«, der zwölfte und letzte Cut, macht schon Vorfreude auf die nächsten Jlin-Longplayer. Doch zunächst sei »Black Origami« gefeiert: Maschinenfunk auf der Höhe der Zeit oder ihr gar voraus. Graziös trotz Komplexität!