Der aus dem oberösterreichischen Ohlsdorf, Thomas Bernhards Wahlheimat, kommende Max Nagl ist einer der arriviertesten Musiker in Wien und medial eigentlich unterrepräsentiert. Dies sollte sich zumindest kurzfristig ändern, wenn er am Samstag, dem 7. Februar ab 10:05 Uhr live im Ö1-Radio Café zu Gast sein wird. Gemeinsam mit seiner in Australien geborenen Frau Anne Harvey-Nagl, die seit 2011 Konzertmeisterin des Orchesters der Wiener Volksoper, außerdem Solistin, Mitglied des Max Nagl Ensembles und Kammermusikerin im Koehne Quartett ist. Mit letzterem hat Max Nagl eine CD aufgenommen. Die skug-Frage, ob die Nagls gar Hausmusik mit ihren Kindern spielen, war dann doch eine zu romantische Vorstellung. Max Nagl: »Eigentlich haben wir nie Hausmusik gemacht. Ich nehme aber ab und zu mit meiner Frau auf, meistens für meine Solo-CDs.« Außerdem gaben zwei bevorstehende Live-Konzerte – das Max Nagl Ensemble spielt am 9. Februar 2026 im Porgy & Bess, das Max Nagl Quintett am 13. Februar im Jazzit Salzburg und am 18. Februar in der Alten Schmiede Wien – sowie zwei aktuelle Tonträger – mehr dazu später – den zusätzlichen Ausschlag, sich erneut mit dem Schaffen des vielseitigen Allrounders zu beschäftigen. Nagl erfindet seine Musik immer wieder neu, und zwar solo (als Multiinstrumentalist/Komponist, zuletzt mehr auf CDs als für Auftragsarbeiten im Bereich Tanztheater, Bühne oder Hörspiel), im Trio, im Quintett und im Ensemble (jeweils als Komponist und hauptsächlich Saxofonist) und ist darüber hinaus Label-Eigner: Alle brillanten Einspielungen werden auf rude noises veröffentlicht.
Max Nagls vielseitiges Schaffen im skug-Rückspiegel
Es gibt Konstanten im skug’schen Universum, die sich ein bisschen auch an der Max-Nagl-Rezeption im skug ablesen lassen. Etwa in einer Rezension der »Blattl-Lieder« aus dem Jahr 2000, wo Nagl noch mit den Altvertrauten Josef Novotny, Achim Tang und Patrice Heral in der von skug mindestens einmal jährlich gefeaturten MUKU Musik Kultur St. Johann in Tirol auftrat. Damals hieß das Festival »Zeitmaschine« (seit 2001 artacts) und Max Nagl & Friends intonierten mit dem famosen lokalen Chor The Seinehonsingers die »Blattl-Lieder« des Tiroler Dichterkomponisten Christian Blattl. Anhand des Reviews von »Ramasuri« lässt sich auch ablesen, dass der damalige skug-Redakteur Noël Akchoté als Gitarrist dem schon immer fantastisch besetzten Max Nagl Ensemble, seinerzeit auch mit Akkordeonist Otto Lechner, angehörte. Nagl hatte zu dieser Zeit auch noch das imposante Quartett Big Four, worin neben Akchoté noch die weiteren Kapazunder Bradley Jones (Kontrabass) und Steven Bernstein (Trompete) interagierten. Alexander Wallner befindet auf der wie »Ramasuri« auf Hat Hut erschienenen »Big Four«-CD eine »retrospektive Musizierhaltung«, wo »die Arrangements stellenweise an Klassiker der frühen 1940er-Jahre erinnern«, doch beseelt von einem Geist, der aus allen möglichen Stilen Rasanz, Eleganz und Spirit zieht. Das waren noch Zeiten. Einst, im Märzen des Jahres 2003, als der gegenwärtige Salon skug noch unter dem Signet skug presents formierte, kuratierte Akchoté ein Minifestival im Miles Smiles, um Standards und Jazz wie in seiner Jugendzeit zu spielen: Max Nagl beeindruckte damals solo mit offenen Swing-Jazz-Formen, doch konnte er auch ganz anders, wie die Rezension von »Wien West« von Veronika Mayer, heutzutage Elektronik-Improv-Musikerin, verdeutlicht.

Max Nagl Quintett
Neben dem mitunter sehr räudigen Trio, in dem albummäßig – etwa auf »Moped« – die frühen Jazzwerkstattler Clemens Wenger und Herbert Pirker als Sidemen mitwirken, betreibt Nagl des Weiteren sein Quintett. Dies hat eine eher kammermusikalische Vorgeschichte, die sich etwa in Stefan Parnreiters Würdigung von »strichcode« aus dem Jahr 2001 widerspiegelt. Während vor einem Vierteljahrhundert Joanna Lewis (Violine), Josef Novotny (Piano), Achim Tang (Bass) und Patrice Heral (Percussion) im Line-up waren, besteht das neue Quintett seit 2018 aus Max Nagl (Alto/Sopranino Sax), Georg Vogel (Piano), Gregor Aufmesser (Bass), Martin Eberle (Trompete) und Phil Yaeger (Posaune). »Pdorvk«, das Quintett-Album aus 2020 zeigte sich bereits inspiriert vom Schaffen Anthony Braxtons, was auf dem aktuellen Tonträger »Phasolny« bis aufs gestrenge Remake »6c« weniger durchschlägt. Zwar gibt es als Trademark weiterhin wendige Bravour, doch wirken die durchdacht komponierten Stücke noch graziler, feiner ineinander übergehend. Beglückender Klang! Live am 13. Februar um 20:30 Uhr im Jazzit Salzburg und am 18. Februar um 19:00 Uhr in der Alten Schmiede Wien.
Max Nagl Ensemble
Dass Max Nagl doch kein Jazzpapst ist und ihm jegliches Schubladendenken abhold ist, beschreibt Kurt Cuisine anhand einer Live-Aufnahme aus dem Jahr 2012: »Live At Porgy & Bess Vienna«. Was 14 Jahre später umso mehr gilt: Sooo viel Schwung, sooo viel Eloquenz auf dem neuen Album »Live at Porgy & Bess Vol. 6« des Max Nagl Ensembles. Einmal mehr tragen die Tracks kurze, prägnante Titel. »Kostüm« ist ein lässiger Auftakt und es ist beinah müßig, die Pirouetten und viele weitere notierte Eskapaden, welche die glänzend disponierten elf Musiker*innen meistern, zu beschreiben. »Drahtzieher« swingt ordentlich, dass es eine Freude ist, und obendrein zupft Peter Rom nach Minute 3 kurz die Gitarrensaiten, ohne dass es Flamenco ist und man trotzdem Flamenco denkt. In »Sogar« dürfen die Streicher jubilieren und »Reum« birgt gar eine Art behende marschierenden Galopp. Solch unerwartete Passagen mag der Autor dieser Zeilen, nur dass diese eigentlich sehr kurz sind und selten ein ganze Komposition umfassen. So darf etwa das Theremin von Khadijah Pamelia Stickney zwei Mal kurz aufheulen, ist aber ansonsten der Grandezza des elfköpfigen Ensembles untergeordnet. Der Hörer gerät ins Schwärmen ob der schwelgerischen Opulenz, die in keiner Sekunde Langeweile aufkommen lässt, weil Kompositeur Nagl mit wendigen Arrangements seinen Musiker*innen ungeheure Spielfreude entlockt. Weshalb, auch weil die Verstrickungen mit Jazzwerkstatt und weiteren Nagl-Combos gut abgebildet werden, alle in diesem Abschnitt noch nicht genannten Musiker*innen des aktuellen Ensemble-Line-ups genannt seien: Joanna Lewis und Anne Harvey-Nagl (vi), Clemens Salesny (alt/tenorsax), Martin Eberle (tr), Phil Yaeger (pos), Clemens Wenger (keys), Gregor Aufmesser (b), Herbert Pirker und selbstverständlich Max Nagl (alt/baritonsax, cl). Präsentationskonzert am 9. Februar, 20:30 Uhr im Porgy & Bess.

Näheres aus der Komponier- und Arrangierwerkstatt
Um doch ein klein wenig über Max Nagls Arbeitsweise zu erfahren, seien noch Auszüge aus einem vor Kurzem geführten Mail-Interview, das auch Auskunft über seine Betriebsamkeit im Jahr 2026 gibt, gestattet.
skug: Grundsätzlich: Schreibst du deine Kompositionen zunächst solo bzw. für ein Trio- bis Quintett-Format und erst daraus werden breit angelegte Arrangements für dein zurzeit elfköpfiges Max Nagl Ensemble?
Max Nagl: Ich schreibe fast immer nur für ein bestimmtes Ensemble, es kommt aber manchmal vor, dass ich ein Stück, das ich zum Beispiel alleine aufgenommen habe, neu arrangiere. Bei dem neuen Ensemble Programm gibt es beispielweise ein paar Stücke, die ich im Herbst 2025 mit Melissa Coleman aufgenommen habe und die ich neu arrangiert und ausgebaut habe.
Wie lange brauchst du fürs Arrangieren einer Nummer fürs Ensemble, etwa am Beispiel des sehr gewitzten »Weesl Drinks Deesl« (Schlussakt von »Live at Porgy & Bess Vol. 6«, dessen Drive bereits auf deinem Soloalbum »Moos« zum Schunkeln und Tanzen animierte?
Ganz verschieden, manchmal tüftle ich lang herum, manchmal geht’s schneller, so wie zum Beispiel bei »Weesl …«. Ich arbeite meistens komponierenderweise an mehreren Stücken gleichzeitig und wechsle hin und her.
Lief es bei »Drahtzieher«, das auf dem Live-Album in einen Reggae-Rhythmus kippt, umgekehrt? Die Quintett-Fassung auf dem aktuell im Februar erscheinendem Album »Phasolny« ist um zwei Minuten kürzer gewürzt und klingt rasanter …
Da war die Quintett-Version vorher fertig, für das Ensemble habe ich dann noch Teile dazukomponiert.
Ich fände speziell die üppig arrangierte Musik des Max Nagl Ensembles sehr geeignet für Film-Soundtracks. Warum kein Regisseur, keine Regisseurin mit der Bitte an dich herantritt, einen Score für einen Film zu schreiben, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Dir auch?
Das ist mir kein Rätsel, weil Filmmusik ist ja etwas ganz anderes als wie zum Beispiel Musik, die nach »Filmmusik« klingt. Eigentlich kann ja jede Art von Musik als Filmmusik verwendet werden, je nach Stimmung.
Bei deinen Kompositionen scheint alles ziemlich ausnotiert. Würde es dich interessieren, den Musiker*innen auch mal mehr Unwägbarkeiten hineinzumontieren, etwa wie es John Zorn mit Cobra zelebrierte?
Mit Cobra lassen sich keine notierten Kompositionen vergleichen. Das ist ein ganz eigenes Universum, es gibt keine Noten, nur Zeichen mit Anweisungen auf Tafeln, die einem erklärt werden müssen und die dann genau einzuhalten sind.
John Zorn scheint mit den schnellen, wendigen Furiosi gewisser NY-Downtown-Acts Einfluss auf dein Werk gehabt zu haben?
Ja klar, sowohl als Saxofonist als auch Komponist. Seine Konzerte waren immer sehr inspirierend für mich.
Sind weitere Aktivitäten im Jahr 2026 geplant? Mehr Konzerte, rude-noises-Veröffentlichungen?
Ja, eine neue rude-noises-CD mit Melissa Coleman am Cello und mir mit meinem Instrumentarium ist gerade fertig, die kommt im Frühjahr. Und wir haben letztes Wochenende Material für eine neue Trio-CD mit Clemens Wenger und Herbert Pirker aufgenommen. Da müssen wir erst alle Takes aussortieren, mischen etc. Im Juni ist noch ein Quintett-Konzert im Porgy geplant.
Aktuelle Termine:
- Samstag, 7. Februar 2026, 10:05 Uhr: Max Nagl und Anne Harvey-Nagl zu Gast im Ö1 Klassik-Treffpunkt oe1.ORF.at
- Max Nagl Ensemble: Live am 9. Februar 2026, 20:30 Uhr im Porgy & Bess
- Max Nagl Quintett: Live am 13. Februar 2026, 20:30 Uhr im Jazzit Salzburg und am 18. Februar 2026, 19:00 Uhr in der Alten Schmiede Wien
Aktuelle Tonträger:
- Max Nagl Ensemble: »Live art Porgy & Bess Vol. 6« (rude noises)
- Max Nagl Quintett: »Phasolny« (rude noises)
Link: https://www.maxnagl.at/











