Various Artists

»Rocksteady Got Soul

Soul Jazz Records

»Rocksteady Got Soul« – ein kurzer, prägnanter Titel für die neueste Compilation von Soul Jazz Records (SJR) in Sachen Ska, Rocksteady, Reggae. Auch wenn der Titel sich auf die Jahre 1967/68 und also die klassische Ära des Rocksteady festlegt, sind Anklänge an den vorangegangenen Ska und (ein wenig) den nachfolgenden Reggae hörbar. Und damit ist auch Soul, als dessen jamaikanische Antwort Rocksteady gemeinhin gilt, nicht immer so präsent, wie der Titel verspricht, wenn man einmal von Songs wie Alton Ellis’ »It’s True«, dem Opener dieses Albums, absieht, der mit seinen kräftig akzentuierten und von souligen Bläsern getriebenen Rhythmus stark Soul-lastig ist. Auch der zweite Song von Alton Ellis auf diesem Album, »I’ll Be Waiting«, ist ein gepflegter, souliger, Mid-tempo-Rocksteady, von dem der 2008 verstorbene Sänger meinte: »Wenn man genau horcht, hört man die Melodie aus einer tiefen, tiefen Stimmung kommen; man braucht die Worte eigentlich gar nicht, um ihn zu fühlen.«

Stuart Baker und SJR gehören seit nunmehr drei Jahrzehnten zu den ganz wenigen Labels, die für exzellente Wiederveröffentlichungen von Studio-One-Einspielungen der Sechziger-, Siebziger- und Achtziger-Jahre und gelegentlich darüber hinaus stehen. Seine Reissues bieten ausnahmslos eine exzellente Mischung aus großen Hits, lange nicht mehr veröffentlichten Songs und absolut raren Einspielungen. So auch dieses Mal. Rocksteady ist eine Disziplin für »Fanatiker«. Alles, was in Jamaika an Rocksteady herauskam, wird von einer begeisterten Fangemeinde gesammelt. Die musikalische und produktionstechnische Qualität ist dabei erwünscht, wenn auch nicht zwingend. Wie Dutzende CD-Reissues des Labels Doctor Bird beweisen, erfreut auch Material, bei dem der Anspruch auf Perfektion nicht immer voll gegeben ist. Fans (wie der Autor dieser Zeilen) kaufen aus der Epoche Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, in denen dieser Stil in Jamaika Hochkonjunktur hatte, einfach alles, dessen sie habhaft werden können: Zweifelhaftes, Okayes und Hervorragendes. Soul Jazz Records (SJR) gehört mit seinen Veröffentlichungen klar zu letzterer Kategorie – auch was die Qualität der klanglichen Wiederherstellung, der Präsentation und Annotationen betrifft.

Fast ausnahmslos ganz große Namen der jamaikanischen Musik-Historie sind auf »Rocksteady Got Soul« zu finden – und es sind die Riddims unter anderem dieser Songs, die der Stoff waren, aus dem die Hits zukünftiger Dekaden geschmiedet wurden: wie aus jenen der Heptones, die mit »Younger Generation« einen klassischen Rocksteady mit souligen Vocals beitragen, oder der frühen Gladiators mit dem kantigen »Mr. Sweet«, das der »Sweet Soul Music« lyrische Reverenz erweist. Manche der hier kompilierten 18 Songs hat der Aficionado in seiner Sammlung (nur Hardcore-Sammler allerdings als Singles-Originale). Dazu zählen neben Alton Ellis und The Heptones vermutlich auch John Holts souliger Scorcher »My Heart Is Gone«, der entspannte Ska »Tables Gonna Turn« der Clarendonians oder vielleicht auch der frühe Ska-ige Lee Perry mit den Gaylads auf »Run Rudie Run« (1965). Wobei sich auf der Suche nach diesen alten Studio-One-Schlagern immer wieder das nun schon seit eineinhalb Jahrzehnten nicht mehr aktiv im Tonträger-Geschäft arbeitende Heartbeat-Label als reichhaltigste Fundgrube erweist.

Zu den raren Gustostückerln dieses Samplers gehören neben dem funkigen Toots-Klassiker »Monkey Man« in der Interpretation der Freedom Singers feat. Larry Marshall (ca. 1970) vor allem The Jail Breakers mit »Work It Up«, hinter denen sich die Kingstonians verbergen, die vornehmlich von Derrick Harriot produziert wurden, hier allerdings von Sudio-One-Boss Coxsone Dodd. Ihr Song kam 1969 als A-Side der Single mit The Sound Dimensions »Travelling Home« heraus und gehört zum schmalen, aber für die Reggae-Geschichte so wichtigen Œuvre dieser Band, die heute leider kaum mehr im Bewusstsein der Reggae-Fans ist. The Ethiopians, Ken Parker, Errol Dunkley, The Viceroy und einige andere runden dieses außergewöhnliche Album im Übergang von Ska zu Proto-Reggae mit ihren außergewöhnlichen Songs ab.