Lali Puna

»Two Windows«

Morr Music

Wer München mit der Bahn in Richtung Berge verlässt, bekommt eine aufgeräumte Naturschönheit um die Ohren gehauen, die sich täglich gewaschen hat. Tutzing, Starnberg, Weilheim, Huglfing und letztlich Murnau. Ûberschaubare, hübsche Seen fließen hinter der Fensterscheibe entlang, soweit das Auge blicken darf. Alles ist hier wunderschön, jeder hat sein eigenes Haus und alle blicken auf die Berge. Die Kinder fliehen vor diesem Ûbermaß an schöner Scheiße in die riesigen Kellerräume der Einfamilienhausträume und fangen dort unten an, Musik zu machen. Wer noch ein unbetäubtes Restgefühl hat, der schützt dies mit Elektrobeats. Bekanntermaßen gelingt dies in Weilheim sehr gut.

Weilheim erfreut sich somit einer Art Genius Loci. Erich Mühsam kam zwar nur bis Schwabing, aber sein Ruf kann auch im oberbayrischen Idyll noch dunkel vernommen werden. Clubkultur und Politologie-Seminare sind nur wenige Fahrminuten entfernt. Somit dürfen die wild aufgeheizten Konflikte und die Härte der Münchner Szene erlebt und ausgekostet werden, aber nach zwanzig Minuten im Regionalzug kann man sich schon wieder im Hügeligen beruhigen. Diese Existenz zwischen Kellerstudio und großer Münchner Bühne machen den Reiz Weilheimischer Musik aus. Alles ist irgendwie schon politisch, allerdings in milden Maßen.

Wie bei The Notwist geht es auch bei Lali Puna oft um Innenräume, Einkapselung und Rückzug. Dieser wird zwar als falsch erkannt, kann aber nicht mittels eines Ausbruchs überwunden werden. Deswegen wickelt sich der Gummitwist um sich selbst. Darin liegt das psychoanalytisch erschließbare Programm der irgendwie unglücklich zufriedenen Bürgerkinder. Letztlich haben sie einen guten Umgang damit gefunden. Wenn Ausbruch verwehrt scheinen muss – aus was für Gründen auch immer – dann wenigstens die schönsten Klangtapeten aufziehen. Und die sind wirklich hübsch. Auch das neue Album »Two Windows« von Lali Puna ist voller sorgsam ausgefeilter Beats und Sounds. Eine typische Elektropop-Mischung, die zwar eine deutliche Affinität zu Clubsounds (z. B.: »Come Out Your House«) zeigt, aber eben von Leuten, die nicht das ganze Wochenende in Discos vergeuden wollen. Die schöne Stimme von Valerie Trebeljahr fügt sich bestens ein. Lauschen wir kurz ihren Lyrics in der Nummer »Her Daily Break«:  

…and watch the world go mad,
I’m asking for a break,
I’m asking for some rest,
Why building houses, why dig a little hole und let dust be the cover?
[..] do we have to fight it?

Nö, nö, schön ruhig bleiben. Passt schon. Es zeigt sich, wer schon ein Haus hat, der interessiert sich nur bedingt für gesellschaftliche Umwälzungen. »You got two windows and a pillow / So what do you want?« fragt Trebeljahr. Mühsam würde sich den Prophetenbart kratzen. Tja. Die Falschheit von Gentrifizierungsprozessen wird erkannt und leise bedauert und die Reichen mit »Juwelen« und »SUVs« gehen zwar auf den Senkel, nur sitzt die Komplizenschaft viel zu tief, um authentische Revolutionsgedanken zu entwickeln. Der »Trick mit der Bodenrente« hat sich weit unten in der bürgerlichen Seele verankert: Es ist dem oberbayrischen Häusle halt nicht anzusehen, dass »arme Teufel« dafür schuften müssen.

Wie auch immer. Don’t rock the boat und es wird schon nix Schlimmes passieren. Sollte der Limbus eines zukünftigen Lebens so aussehen wie eine unendliche nächtliche Autobahnfahrt – nun, dann wäre zu wünschen, Lali Puna liefe im Radio. Ein herrlicher Sound zum im Kreis fahren.

Release: 8.9.2017 | Die review ging bereits am 25.07.2017 auf skug.at online.

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