Neil Young & Promise of the Real

»The Visitor«

Reprise

»I’m Canadian, by the way, and I love the USA« sind die ersten Liedzeilen der neuen Platte und die bringen uns gleich mitten in die Misere des Albums »The Visitor«. Dazu gleich mehr. Rund um die Lyrics wird in schönster Neil-Young-Tradition Rock-gerumpelt. Wie das halt so klingt, wenn man in der Garage aufräumt und Dinge durch die Gegend pfeffert. Schuld daran ist diesmal neben Young nicht etwa ein durchgedrehtes Pferd (engl. Crazy Horse) sondern Promise oft the Real, die Band von Lucas Nelson, dem Sohnemann von Willie Nelson, der, für europäische Musikrezeption kaum nachvollziehbar, sowohl Counter-Culture- als auch Country-Legende ist. Neil Young hatte immer dieses Faible für progressives Country-Lebensgefühl, also nicht enden wollende Autofahrten über staubige Highways, bei denen unterm Rückspiegel lustig ein kleiner Dreamcatcher wackelt, weil es war ja irgendwie nicht richtig, was wir den Indianern angetan haben. Nur, Neil Young hat diesen ganzen Kitsch transzendiert. Er ist eine jener Künstlerpersönlichkeiten, um die sich ein kritisches Bewusstsein lebenslang herumwickeln kann wie die weichgekochten Spaghetti um die Gabel. Lederfransenlederjacke und Analysefähigkeit. Nicht vergessen: Stephen Stills und Neil Young traten zu Zeiten von Buffalo Springfield als Cowboy und Indianer verkleidet auf. Aber das war wurscht, denn programmatische Sackgassen wurden verlassen durch jenes ungeheuerliche Talent, einfach – und das kann man kaum besser sagen – wunderschöne Songs zu schreiben. Warum ihm dies gelang (zuweilen noch immer gelingt), ist wüste Spekulation, aber eine Mutmaßung sei erlaubt: Er glaubt einfach an dieses Hippie-Ding mit der Liebe.

Das haut mal mehr, mal weniger hin. Die Eröffnungsnummer von »The Visitor« mit der eingangs zitierten Liedzeile konkludiert America sei bereits great. Und an der Stelle stellt sich Unruhe ein und die Frage: MAGA sein, dass America bereits great ist, nur warum ist Tansania es nicht? Ganz zufälliges Beispiel übrigens. Es gäbe da nämlich einen kleinen Zusammenhang, der den Reichtum der einen Gegend mit der Armut einer anderen Gegend verbindet. Aber wer sind wir, dies dem großen Neil Young vorzubeten? Gewusst hat er es ohnehin und in dramatisch gute Songs verwandelt: »Cortez, Cortez – what a killer«. Unnachahmliche Verbindung der politischen und historischen Gegebenheiten mit dem persönlichen und intimen Alltagsgefühl. Das macht dem Maestro niemand nach. Nur auf dem neununddreißigsten Studioalbum seiner langen Karriere ist das alles mittelprächtig. Starke Passagen wechseln sich ab mit solchen, in denen die musikalischen Einfälle dislozierend herumirren. Betroffen möchte man bei den letzten Songs der Platte anmerken: »Okay, gute Ansätze, aber, ähm … ist das jetzt der fertige Song?«

Das Ganze ist zumindest ein Lob an Crazy Horse, denen attestiert werden darf, die junge Rasselbande von Promise oft the Real macht eh alles richtig aber wirkt dabei einerseits ein bisschen zu bemüht und hätte andererseits hier und da einen Verbesserungsvorschlag anbringen können. Letztlich ein im Vergleich zu dem Topfen, den diese Welt hervorbringt, ganz gutes Album, das allerdings kaum Neil Young selbst gerecht wird. Zumal der mit »Hitchhiker« im Jahr 2017 ein Album vorgelegt hat, das, bestückt mit Material der 1970er, vielleicht zu den besten Alben aller Zeiten zu zählen ist. Quäle man sich nicht mit dem Gedanken, in welcher Welt wir leben würden, wenn Young konsequent avanciert gearbeitet hätte. Es war halt nicht so. Heute schraubt er an großen Autos rum, um sie verbrauchsärmer zu machen (wegen der Umwelt) und konkludiert: »Just singin’ a song won’t change the world.« Ja eh, aber wenn es einer geschafft hätte …

Wer möchte, kann versuchen, sich hierauf einen Reim zu machen:

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