Nils Frahm

»Screws«

Erased Tapes Records

Wenn in deiner Sozialisation Begriffe wie »Moderne« oder »Avantgarde« eine Rolle gespielt haben, tust du dir schwer mit einer Musik, die von vorn bis hinten auf merkliche Dissonanzen und sonstige Störfaktoren verzichtet. »Idyllisch« wäre vielleicht das passende Attribut für Nils Frahms Album »Screws«. Diese Musik wirft keine Probleme auf und löst auch keine, sie ist keine Anklage ob der verruchten Welt, in der wir heutzutage immer noch leben müssen. Sie will einfach nur schön sein. Eine Oase im Meer alltäglicher Erregung und Hässlichkeit, schreckt sie nicht vor schlichten Akkordfolgen, in sich ruhenden Harmonien und anspruchsloser Schlichtheit zurück, wobei sie an die kindlich-spielerischen Klavierstücke »Játékok« des Komponisten György Kurtág ebenso erinnert wie an die heitere Abgeklärtheit der »Quartets« von John Cage. Dabei ist die Vorgeschichte des Albums alles andere als erfreulich: Der 30-jährige Pianist brach sich nämlich beim Sturz von seinem Hochbett den Daumen. Mit nur neun Fingern schuf er eine reduzierte Musik, die gerade nicht von den vier Schrauben im linken Daumen des Musikers erzählt. Mögen draußen Bomben fallen, Granaten explodieren und Fabriken zusammenstürzen, scheint sie zu sagen – irgendwo existiert ein Universum, in dem alles in Ordnung ist. Auch die Hörerin wird, während sie Frahms selbstgenügsamen Meditationen lauscht, immer ruhiger, während die Dinge um sie herum ihren angestammten Platz einzunehmen scheinen. Vor dem Siegeszug der modernen Naturwissenschaften vertraten Gelehrte die Meinung, dass zwischen musikalischer und kosmischer Harmonie ein inniger Zusammenhang bestehe. Nils Frahms musikalische Epigramme könnten ein Indiz für die Gültigkeit dieser Theorie sein.