Keine Zähne im Maul aber La Paloma pfeifen

»Postsexuell«

Broken Silence

Also ganz ehrlich, eine Truppe von nicht mehr ganz jungen Männern aus Kiel macht eine Art Punkrock/Wave/Electro/Indie-Album in deutscher Sprache. Das ist nicht gerade der Stoff dem ich mit ungebremster Vorfreude begegne. Mit Deutschland-Abneigung der kleinen Üsis hat das gar nichts zu tun. Doch die Band mit dem ganz schön langen Namen hat eine Chance verdient, lustig ist jedenfalls schon mal das Cover, eine comicartige Zeichnung. Man sieht ein älteres Ehepaar Wolle aufwickeln, wobei ihnen eine Katze interessiert Gesellschaft leistet. Eine Gedankenblase über dem Glatzkopf des Mannes macht deutlich, dass er viel lieber mit seinen Kumpels einen draufmachen würde. Diese Situation dürfte es tatsächlich gar nicht so selten geben, meine erste Assoziation dazu ist das Stück »?? Fertig« von der CD, bei dem es im Refrain es hei&szligt: »Studium: fertig! Wohnung: fertig! Meinung: fertig! Kaffe: fertig!«. Auch wenn Sänger und Gitarrist Jochen Gäde dabei eher jüngere, perfekt geschmierte Partnerschaften meinen dürfte, trifft der Text doch auch auf das alte Ehepaar zu, das eindeutig im Stadium des Zeit-Absitzens bis zum Tod angekommen ist. Schnell wird auch klar, dass es sich bei dem Trio um ausgezeichnete Musiker und pfiffige Burschen handelt. »Wenn mich die Frauen locken, lauf‘ ich nach Haus und sortier‘ die Socken« singt – oder besser sprechsingt – Gäde zu funky Bass aus dem NoMeansNo-Seminar, und deponiert damit ein zumindest interessantes Statement zum allgegenwärtigen, manischen Paarungsspielchen. Gewiss ein Schlüsselstück ist »Leb so, dass es alle wissen wollen«, das auf immerhin acht Minuten Länge ziemlich miesepetrig weg geht vom ständigen, doch etwas anstrengenden Instrumental-Stakkato. »So bin ich abends oft zu Hause geblieben, und wollte doch alle Menschen lieben …« oder »Meine Smartphone-Freunde rieten mir am Puls der Zeit zu sein, und ich wär beinah aus mir selber rausgefallen«. Das sind poetische Zeilen, eingebettet in ein Soundkleid, das (abgesehen von den oft vermutlich ironisch eingesetzten Keyboards) an Blumfelds »Verstärker« erinnert. Mit einer Stimme, die für einen Moment exakt wie Dirk von Lotzow klingt. An andere Stelle tönt der sichtlich angefressene Göde wie Udo Lindenberg auf Speed, und sogar der Gesang vom Schaffhausener Aeronauten Olifr Maurmann lugt um die Ecke. In »Hallo, Leben, Aus« entwickelt der instrumentale Part gewaltigen Drive und stellt in einem Album mit insgesamt hohem Energielevel einen Höhepunkt dar. Der fast schon vergessen geglaubte Hidden Track macht mit dem Durchbrechen der Stille dem Label alle Ehre. Textlich ist »Postsexuell« alles andere als leicht zugänglich, hebt sich damit aber wohltuend von den unzähligen totalen Belanglosigkeiten aus diesem Genre ab.