Philip Bradatsch

»Jesus von Haidhausen«

Trikont

Wenn man die neue Platte von Philip Bradatsch anhört, macht man automatisch die Augen zu. Und dann sieht man einen vollbärtigen, etwas zauseligen Mann mit dunkler Sonnenbrille vor sich. Er steht im Halbdunkel, seine Fender Telecaster um den Hals. Am Mikroständer hat er eine verglühende Zigarette festgeklemmt. Schemenhaft erahnt man hinter ihm seine Band. Körper und Gesicht gehen leidenschaftlich mit, wenn er seine Gitarre spielt. Ein entspannter Virtuose bei der Arbeit. Ein Klischee? Natürlich! Pop besteht ja oft aus der mal mehr, mal weniger originellen Variation seiner eigenen Klischees. Elvis wollte ein schwarzer Bluessänger sein, die Beatles wollten Elvis sein. Das epigonale Prinzip kann eine Menge kreative Energie freisetzen. Bradatschs neue Platte heißt »Jesus von Haidhausen«. Da denkt man an »Jesus Christ Superstar«, an Velvet Underground – und »Haidhausen« sieht auf den ersten Blick auch ein bisschen aus wie »HAIRdhausen«. Vor allem im Kontext des Coverfotos. Der Rahmen ist eindeutig bei Dylans »Highway 61 Revisited« geliehen. Das eingerahmte Foto könnte aber durchaus Oberstufenschüler aus dem Jahr 1974 zeigen (gut, ein bisschen Kurt Cobain ist auch dabei). Was das Cover andeutet, löst die Musik ein. Wenn man den Opener »Alte Gebäude« hört, dann ist die erste musikalische Referenz Jimi Hendrix. Aber eine Sekunde später stolpert man gedanklich zu »Ist es wichtig?« von Selig. Selig, die Band, die in den Neunzigern so aussah und auch so Musik machte, als wäre sie in einer Zeitkapsel aus dem Jahr 1974 ins Jahr 1994 katapultiert worden. Damals dachte man bei Selig an Ton, Steine, Scherben oder Rio Reiser. Man merkt, das ist ein ziemlicher Retrolooping, was Bradatsch da dreht. Der Titelsong »Jesus von Haidhausen« weckt allerdings noch eine weitere Assoziation. Man denkt unmittelbar an den »wilden« Heinz Rudolf Kunze der Neunziger. Auch er sang einen merkwürdigen Jesus-Song: »Jesus Tomahawk«. Kunze war damals in seiner Neil-Young- und Britpop-Phase und produzierte einen ähnlichen Sound wie Bradatsch. Und das MacDonalds-Magazin fragte sich: »Was will der Mann uns mit seinen Texten bloß sagen?« Das fragt man sich bei Philip Bradatsch auch. Er stößt frei flottierende Halbsätze aus, die sich im kontextlosen Raum gegenseitig abstoßen. Eventuell Beat-Poesie? »Meine Liebste ist still und heimlich / ihre Ängste sind nicht von dieser Welt / sie spricht wie eine Sphinx und ihr Geheimnis / ist der Staub, der mir vor die Füße fällt.« Das ist schön. Bob Dylan oder so. Aber vielleicht arbeitet Bradatsch auch einfach nach dem ABBA-Prinzip? Die Texte sollen vom Wortklang und von der Rhythmik her die Musik verstärken. Die Bedeutung ist eigentlich egal. Bradatsch ist melodiöser und origineller als Selig und wesentlich virtuoser als Kunze. Aber die Wut von Rio Reiser fehlt. Beim Hören hat man ein bisschen das Gefühl, dass man es mit einem YouTube-Kid zu tun hat, dass sich in Tutorials für Bob-Dylan- und Jimmy-Hendrix-Gitarrenspiel hineingewühlt hat. Und jetzt kann es das alles viel perfekter als Dylan oder Hendrix selber. Vielleicht ist Bradatsch eher so eine Art co-aktiver Rockmusikfan? Aber einer, der sein Handwerk beherrscht. Und dabei kommen auch wirklich schöne dylaneske Stücke (»Meine Liebste«) und schöne Selig-/Hendrix-Songs (»Rundfunkempfänger«, »Kriege«, »Flüsse«) heraus. Gutes Retroentertainment.