Neues aus dem »No Audience Underground«

Musik auf Kassetten. Ein Review.

Ein kurzer Blick in die Tape-Label-Szene beweist:‭ ‬Ob Noise,‭ ‬Drone,‭ ‬Minimalismus,‭ ‬Spoken Word oder Psychedelic,‭ ‬der No-Audience-Underground lebt‭!

Kassetten dokumentieren Szenen.‭ ‬In allen möglichen Szenen‭ (‬von Hip Hop bis Black Metal‭) ‬gibt es ungezählte Tape-Labels.‭ ‬Szenen zeichnen sich durch‭ (‬persönliche‭) ‬Bekanntschaften aus,‭ ‬manche sagen auch Netzwerke dazu‭ (‬file under:‭ ‬No-Audience-Underground‭)‬.‭ ‬Innerhalb dieser Netzwerke funktioniert die‭ ‬Kommunikation reibungslos,‭ ‬weshalb Kassetten,‭ ‬wenn auch in kleiner Auflage hergestellt,‭ ‬keinerlei Werbung bedürfen.‭ ‬Newsletter,‭ ‬Kommunikation innerhalb digitaler,‭ ‬sozialer Netzwerke und Konzerte genügen in aller Regel,‭ ‬eine Auflage von‭ ‬60‭–‬100‭ ‬Kassetten zu verkaufen.‭ ‬Insofern ist die Kassette ein esoterisches Artefakt.‭ ‬Es zirkuliert innerhalb eines eingeweihten Kreises und gelangt selten darüber hinaus.‭ (‬Willkommene Ausnahmen,‭ ‬von Selbstmarginalisierung der Musiker_innen kann nicht die Rede sein,‭ ‬bestätigen‭ ‬die Regel.‭) ‬Weshalb dann dieser Text‭? ‬Fast alle der nachfolgend erwähnten Veröffentlichungen sind vergriffen,‭ ‬während diese Zeilen gelesen werden können.‭ ‬Besteht jenseits des‭ »‬esoterischen Zirkels‭«‬ derer,‭ ‬die eben schon Bescheid wissen,‭ ‬ein Interesse,‭ ‬das‭ ‬der Mühe wert ist,‭ ‬Bericht zu erstatten‭? ‬Ich hoffe es.‭ ‬Die Qualität der Veröffentlichungen rechtfertigt ein größeres Interesse,‭ ‬das,‭ ‬auch wenn die Kassetten vergriffen sind,‭ ‬über Online-Portale wie‭ ‬bandcamp in vielen Fällen befriedigt werden kann.‭ ‬Also,‭ ‬genug der Vorrede,‭ ‬hinein in den Magnetbandberg.‭ (‬Die Vielzahl an Namen und Verweisen im Text mag verwirren‭ ‬– aber so ist das nun mal in Netzwerken:‭ ‬Alle hängen mit allen zusammen rum.‭)

Pandelindio.jpgBesonders umtriebig ist Ulrich Rois,‭ ‬der als‭ ‬Bird People mit unterschiedlichen    Musiker_innen aufnimmt und auftritt und das Label‭ ‬Feathered Coyote von Wien aus betreibt.‭ ‬Dort verlegt er Musik aus allen Ecken der Welt,‭ ‬zum Beispiel aus Argentinien.‭ ‬Von dort her kommt das Duo‭ ‬Pandelindio.‭ ‬Auf Feathered Coyote haben sie nicht nur‭ »‬Mount Analogue‭«‬ veröffentlicht,‭ ‬sondern sind im Sommer diesen Jahres auch mit‭ ‬Bird People durch Europa gereist und haben aus diesem Anlass ein Tour-Tape‭ ‬zusammengestellt:‭ ‬»Sporal Dispersal‭«‬ dokumentiert,‭ ‬ebenso wie‭ »‬Mount Analogue‭«‬,‭ ‬überwiegend psychedelisch-akustische Jams,‭ ‬die mit Shruti-Box,‭ ‬Flöten,‭ ‬Tanpura,‭ ‬Geige und vielen anderen Instrumenten eingespielt sind.‭ ‬Meditative Musik,‭ ‬ruhig und fließend und durchaus geeignet,‭ ‬sich mit einer Kräuterzigarette oder einem Rotwein auf den Balkon zu setzen und in die untergehende Sonne zu blinzeln.‭ ‬Man kann sich gar nicht genug Zeit nehmen,‭ ‬diese Musik zu genießen.‭

Wenn es dann dunkel geworden ist,‭ ‬kann man mit‭ ‬Brannten Schnüre‭»Geträumt hab ich vom Martinszug‭«‬ nachlegen.‭ ‬Das Projekt von Christian Schoppik und Katie Rich aus Würzburg eignet sich als kleine Nachtmusik ganz hervorragend,‭ ‬wenn jemand ein Faible für leicht wackeligen und schwarz-humorig-romantischen Folk hat.‭ ‬Die deutschen Texte flüstert Katie mehr als sie singt und Christian Schoppik arrangiert eine warme Musik drum herum,‭ ‬die einlullt und mithin verstört und hier und da klingt,‭ ‬als wehe sie aus einer längst vergangenen Zeit herüber.‭

kabouter.jpgÄhnliches gilt für die Kassetten die via‭ ‬Sloow Tapes in Belgien veröffentlicht werden.‭ ‬Bart de Paepe betreibt‭ ‬seit über zehn Jahren sein Label und aus Anlass des Jubiläums erschien im letzten Jahr der Katalog des Labels in der Form eines kleinen Büchleins.‭ »‬Mellow My Mind‭«‬,‭ ‬so der Titel,‭ ‬ist in einer Auflage von‭ ‬300‭ ‬Exemplaren erhältlich,‭ ‬und wer nicht alle Kassetten von Sloow Tapes ergattern kann,‭ ‬bekommt auf diese Weise eine liebevoll präsentierte Idee davon,‭ ‬was noch alles entdeckt werden kann.‭ ‬Zu den letzten Veröffentlichungen auf Sloow Tapes zählt u.‭ ‬a.‭ ‬»Kabouter Chismus‭«‬,‭ ‬das selbstbetitelte‭ (‬und einzige‭) ‬Album der niederländischen Psych-Folk-Band‭ ‬Kabouter Chismus.‭ ‬Das Original-Album ist heutzutage sehr teuer,‭ ‬die Kassette war günstig und es ist‭ ‬– neben der Veröffentlichung zeitgenössischer Projekte‭ ‬– ein Verdienst von Bart de Paepe,‭ ‬dass er solche Kleinode aus der Versenkung hebt.‭

Kaum weniger aus der Zeit gefallen klingt‭ ‬»Le Chat à Neuf Queues‭«‬,‭ ‬die Veröffentlichung einer Duo-Jam-Session von Bart de Paepe und Anne Collet unter dem Projektnamen‭ ‬Hum.‭ ‬Eine psychedelische Suppe schwappt mir aus den Boxen entgegen,‭ ‬in der die sterblichen Überreste von Angus MacLise,‭ ‬Pärson Sound und der Flower Travellin‭’‬ Band schwimmen.‭ ‬Was noch alles drin ist,‭ ‬will ich gar nicht wissen,‭ ‬aber es schmeckt‭!

splifftape.jpgEbenfalls aus Belgien stammen Hellvete,‭ ‬Bear Bones,‭ ‬Lay Low und Brahmen Raag.‭ ‬Hellvete‭ ‬und‭ ‬Bear Bones,‭ ‬Lay Low sind Solo-Projekte von Glen Steenkiste und Ernesto González,‭ ‬die beide mit Sylvester Anfang II‭ ‬unterwegs waren.‭ ‬Beide teilen sich das‭ ‬»Spliff-Tape‭«‬ (der Kalauer war wohl unvermeidlich,‭ ‬Cheech und Chong lassen grüßen‭)‬,‭ ‬veröffentlicht auf dem britisch-deutschen ökologisch motivierten Non-Profit-Label‭ ‬Oaken Palace.‭ ‬Hellvete liefert souverän und mit ruhiger Hand gewirkten Minimalismus à la La Monte Young ab.‭ (‬Glen Steenkiste kommt dabei aber ohne religiösen Überbau aus.‭ ‬Purer Sound.‭) ‬Bear Bones,‭ ‬Lay Low baut‭ ‬gut fünfundzwanzig Minuten an einer psychedelischen Improvisation herum,‭ ‬die Weltraumflüge gewissermaßen auch von der Couch aus möglich macht.‭ ‬Dafür hat Ernesto González ein Händchen,‭ ‬geben Sie es ihm‭!

Hinter‭ ‬Brahmen Raag verbergen sich der bereits genannte Glen Steenkiste und David Edren von DSR Lines.‭ ‬Beide dokumentieren auf‭ ‬»Brahmen Raag‭«‬ mit Synthesizer,‭ ‬Harmonium,‭ ‬Shruti-Box und Electronic Tambura eine‭ ‬kosmisch-krautige Seelenlandschaft,‭ ‬der es an Offenheit und Weite nicht mangelt:‭ ‬Eine Reise ins Ich,‭ ‬gewissermaßen‭ »‬Durch Musik zum Selbst‭«‬ (Peter Michael Hamel‭)‬.‭ ‬Aller therapeutischen Implikationen zum Trotz‭ (‬nur keine Angst‭!)‬,‭ ‬eine hervorragende Veröffentlichung.‭

augenblicke.jpgUnd wo wir gerade dabei sind,‭ ‬zeitgenössische kosmische Kuriere zu besprechen,‭ ‬da darf der Stuttgarter‭ ‬Günter Schlienz nicht fehlen.‭ ‬Man sollte nicht den Fehler machen,‭ ‬die Musik von Schlienz unter einem Berg von Geschichte zu begraben.‭ ‬Der gelernte Elektrotechniker weiß selbst,‭ ‬was er Edgar Froese,‭ ‬Joachim Roedelius und anderen zu verdanken‭ ‬hat‭ ‬– seine eigene Musik wächst jedoch über die historischen Vorbilder hinaus‭! ‬Nicht zuletzt,‭ ‬weil Schlienz die Disziplin aufbringt,‭ ‬nicht in süßlichen Arrangements kleben zu bleiben‭ (‬wie Roedelius hier und da‭) ‬oder leicht angekokst in Richtung Stadion Rock zu schielen‭ (‬wie Froese ab‭ ‬1980‭ ‬oder so‭)‬.‭ ‬Schlienz zieht geduldig seine analogen Fäden aus dem Synthesizer und spinnt in aller Ruhe in sich ruhende Klangteppiche,‭ ‬die so schön sind,‭ ‬wie der melancholische Blick von Kris Kevin auf den Planeten Solaris.‭ ‬Zwei Veröffentlichung sind in jüngster Zeit erschienen:‭ ‬»Evocations‭«‬ auf‭ ‬Makrame Records‭ (‬Spanien‭) ‬und‭ ‬»Augenblicke‭«‬ auf‭ ‬Sacred Phrases in den USA.‭ ‬Beide sind unbedingt empfohlen.‭

Sitzt Günter Schlienz nicht vor seinen Synthesizerkisten,‭ ‬so veröffentlicht er auf seinem‭ ‬Cosmic Winnetou Label benachbarte Szene-Projekte.‭ ‬Die letzten drei Veröffentlichungen sind gerade erst erschienen.‭ ‬»Monster Collab‭«‬ nennt sich die‭ ‬4-fach-Split-Kassette,‭ ‬die‭ ‬Uton,‭ ‬Ø+yn,‭ ‬Bird People und Creation VI auf zwei Kassettenseiten vereint.‭ ‬Eine weltumspannende Angelegenheit mit musikalischen Projekten aus Finnland,‭ ‬Argentinien,‭ ‬Österreich und Russland,‭ ‬ganz ohne Benefiz-One-World-Gedöns,‭ ‬da spricht die Musik für sich.‭ ‬Community ohne Quatsch,‭ ‬sehr angenehm.‭ ‬Daneben erschienen ist noch eine Veröffentlichung des Nürnberger Musikers Florian Von Ameln,‭ ‬der als‭ ‬An Elm im Titel seiner Kassette auch einen Kalauer parat hat:‭ ‬»Fly Pan Elm‭«‬.‭ ‬Na gut,‭ ‬warum auch nicht‭ ‬– die Musik verträgt den müden Lacher locker:‭ ‬Sechs Stücke Synthesizermusik.‭ ‬Sehr gelungen,‭ ‬und als alternativer Soundtrack zur gerade gefeierten Netflix-Serie‭ »‬Stranger Things‭«‬ nicht ungeeignet.‭ ‬Als drittes Release dann noch‭ ‬Strom Noir,‭ ‬ein Projekt des slowakischen Musikers Emil Mat‭’‬ko.‭ ‬Unkitschiger Ambient.‭ ‬Der Titel weist in die richtige Richtung,‭ ‬Nuancen im Sound wollen mit feinen Antennen wahrgenommen werden:‭ ‬»The White Colour Of The Clouds‭«‬.

Wolkenfrei ist es bekanntlich nicht gerade an der amerikanischen Westküste.‭ ‬Dort,‭ ‬in Seattle,‭ ‬ist Eiderdown Records,‭ ‬das Label von Adam Svenson,‭ ‬ansässig.‭ ‬Die beiden letzten Veröffentlichungen:‭ ‬eine Kontrabass-Drone-Komposition von‭ ‬Gregg Skloff,‭ ‬»The Glacial Enclosure‭«‬,‭ ‬ist wunderbar‭ (‬man kann ja nicht immer nur Arnold Dreyblatt hören‭!) ‬und ein‭ ‬unbetiteltes‭ ‬»Split-Tape‭«‬ von‭ ‬Bent Pyramid Trio/The Shouts From The Sea,‭ ‬über die ich gar nichts weiß,‭ ‬aber von deren Geschrengel ich Recht angetan bin.‭ ‬Geräuschmusik,‭ ‬elektronische Ausgeburten,‭ ‬dem Zufall nicht abgeneigt.‭

popul__r.jpgDas gilt auch für‭ ‬Nils Quak.‭ ‬Der sitzt in Köln,‭ ‬wo er,‭ ‬wie Günter Schlienz in Stuttgart,‭ ‬ebenfalls an modularen Synthesizern herumschraubt.‭ ‬Sein augenzwinkernd‭ ‬»Einige sehr populäre Songs‭«‬ betiteltes neues Tape auf dem polnischen Label‭ ‬Wounded Knife beinhaltet aber alles andere als Lieder‭ (‬und schon gar nichts zum Mitsingen‭)‬.‭ ‬Im Vergleich zu Schlienz ist Quak einer deutlich kühleren Ästhetik verpflichtet.‭ ‬Es rauscht,‭ ‬die Maschinen,‭ ‬gewissermaßen sich selbst überlassen,‭ ‬setzen Klänge frei,‭ ‬Quak greift hier und da ein.‭ ‬Im Ergebnis kommt dabei eine Ambient-Musik heraus,‭ ‬die aus dem Maschinenraum noch Signale senden kann,‭ ‬wenn die Erde längst wieder wüst und leer ist.‭ Thematisch und ästhetisch im selben verseuchten Fahrwasser unterwegs ist‭ ‬»New Dark Age‭«‬ von‭ ‬S.U.V.,‭ ‬einem Projekt aus Nürnberg,‭ ‬dessen Urheber sich auf der selbst verlegten (Otomatik Muziek) Veröffentlichung Franz-Josef Kaputt nennt.‭ ‬Das passt.‭ ‬Zum post-apokalyptisch gefärbten Industrial-Noise kann man sich so einiges kaputt vorstellen.‭ ‬Zivilisationen zum Beispiel.‭ ‬Damit lassen wir jetzt aber den toxischen Krach hinter uns.‭ ‬Der Geigerzähler schlägt schon aus.‭

Freundlicher,‭ ‬wenn auch immer noch wenig harmonisch,‭ ‬geht es auf den letzten beiden Veröffentlichungen des nicht mehr britischen Labels‭ ‬Wasistdas‭?‬ zu.‭ ‬Ned Netherwood,‭ ‬kürzlich in die amerikanische Wüste verzogen,‭ ‬der Familie wegen,‭ ‬veröffentlicht nicht nur Kassetten,‭ ‬er betreibt auch den Wasistdas‭?‬-Blog,‭ ‬eine Plattform für zeitgenössische Outsidermusik.‭ ‬Jüngst erschien via Wasistdas‭? ‬ein Generationen verbindendes,‭ ‬unbetiteltes‭ ‬»Split-Tape‭«‬ der legendären‭ ‬Nihilist Spasm Band und der nicht minder abenteuerlustigen‭ ‬Metabolismus‭ (‬wie Günter Schlienz ebenfalls aus Stuttgart‭)‬.‭ ‬Beide Formationen geben ihren selbstgebauten Instrumenten Saures.‭ ‬Es ist die reine Freude,‭ ‬wenn so viel non-konformes Gelärme durch die eigene Wohnung schallt.‭ ‬Dazu kann wunderbar ein Kleinkind Krach schlagen oder‭ ‬– falls Nachwuchs nicht vorhanden‭ ‬– eine Katze oder ein Hund auf der Fensterbank jaulen.‭ ‬Wenn auch die nicht vor Ort sind,‭ ‬so findet sich vielleicht ein Topf,‭ ‬der geeignet ist,‭ ‬die musikalische Darbietung auf eigene Faust zu ergänzen.‭ ‬Ganz großartig‭! ‬Musik,‭ ‬die heilt‭!

Ebenfalls auf erfreuliche Weise nicht ganz bei sich muss Willie Stewart alias‭ ‬Worship My Panther gewesen sein,‭ ‬als er‭ ‬»This Is Scald House‭«‬ irgendwie‭ ‬zuwege gebracht hat.‭ ‬Als hätten sich Alan Vega und The Big Bopper im Hobbykeller mit einer Drum-Machine und anderen hastig verkabelten Geräten und unter dem Einfluss des Inhalts einer Hausapotheke voll abgelaufener Psychopharmaka vergnügt.‭ ‬Haarsträubend.‭ ‬Aber das ist in diesem Fall ein Kompliment.‭

Ebenfalls haarsträubend:‭ ‬Èlg‭’‬s‭ ‬»Pièces Détachées‭«‬ (Fougère Musique‭)‬,‭ ‬eine kurzweilig‭ ‬zusammengeschnittene Soundcollage.‭ ‬Höhepunkt:‭ »‬Sick Awesome Rad Dude‭«‬,‭ ‬ein Track,‭ ‬der aus nichts als‭ ‬aneinandergereihten,‭ ‬wiederholten Szene-Sprech-Worthülsen‭ ‬besteht.‭ ‬Fabelhafter Kommentar zu den szene-üblichen Hohlheiten hier und da.‭

Aber noch mal kurz zurück zu Willie Stewart.‭ ‬Der trommelt auch bei‭ ‬Woven Skull,‭ ‬einem irischen Trio,‭ ‬das eine Art primitivistische Mischung aus Folk und Free Jazz spielt.‭ ‬Schlagzeug und Gitarre bzw.‭ ‬Mandoline schleichen umeinander her wie ein Rudel hungriger Wölfe.‭ ‬Fiebernd und hungrig.‭ ‬»The Forest Of Everything‭«‬ (Cruel Nature‭)‬ ist ein weiteres Beispiel für die simple aber kraftvolle Musik des Trios aus Irland.

hillmoon.jpgDort in der Nachbarschaft wohnt auch‭ ‬David Colohan‭ (‬und macht unter dem Namen Divil A Bit mit‭ ‬zwei Drittel von Woven Skull Musik‭)‬.‭ ‬Colohan ist‭ ‬auch‭ ‬eines der beständigsten Mitglieder der United Bible Studies,‭ ‬und‭ ‬hat‭ ‬ebenfalls auf‭ ‬Wasistdas‭?‬ (s.‭ ‬o.‭) ‬ein Double-Tape mit Harmonium-Aufnahmen veröffentlicht.‭ ‬»Hill Of The Moon‭«‬ erinnert an die Harmonium-Improvisationen‭ ‬von‭ ‬George Ivanovich Gurdjieff,‭ ‬dem russischen Mystiker,‭ ‬und ähnlich spirituell motiviert sind die Aufnahmen von David Colohan.‭ ‬Musik als meditative Übung,‭ ‬als Einladung zur inneren Einkehr,‭ ‬Versenkung.‭ ‬Keine Popmusik.‭ ‬Das Gegenteil davon,‭ ‬wie auch immer man das dann nennen will.‭ ‬Kirchenmusik vielleicht.‭ ‬Auch das ein Kompliment,‭ »‬Hill Of The Moon‭«‬ zeugt von großer atmosphärischer Dichte und,‭ ‬nicht vergessen,‭ ‬Winter‭ ‬is coming,‭ ‬also besser mal das Harmonium nicht allzu weit weg rücken.‭ ‬Das wärmt‭ (‬den Hintern und die Seele‭)‬.‭

Im Norden Englands in Stockport‭ (‬in der Nähe von Manchester‭) ‬verfeuert Jon Collin sein Holz allerdings nicht,‭ ‬um sich gegen eventuell aufziehende Kälte zu wappnen‭ ‬– er fabriziert exklusive Verpackungen für die Veröffentlichungen seines‭ ‬Winebox Press‭ ‬Labels.‭ ‬Die Veröffentlichungen des Labels erscheinen in einer Stückzahl,‭ ‬die abhängig davon ist,‭ ‬wie viele Einheiten der Verpackung sich aus dem Holz,‭ ‬das dazu benutzt wird,‭ ‬herstellbar sind.‭ ‬Das klingt seltsam und sieht auch teilweise sehr eigen aus.‭ ‬Stühle,‭ ‬Tische,‭ ‬Paletten und diverses‭ ‬Anderes aus Holz vom lokalen Sperrmüll wird eingesammelt,‭ ‬zersägt und zum Träger für den Tonträger umfunktioniert.‭ ‬Buchstäblich draufgenagelt werden die Kassetten oder‭ (‬manchmal‭) ‬auch in kleine Schatullen verpackt.‭ ‬So auch Winebox‭ ‬27,‭ ‬mit‭ ‬»Dream Recall‭«‬ von Ross Parfitt/Kelly Jayne Jones/Stephen Chase/Irma Vep,‭ ‬ein Zwei-Kassetten-Set‭ ‬»housed in a rectangular box-with-sliding-door‭ (‬source material old half-destroyed wardrobe‭)‬« mit vier unterschiedlichen Interpretationen einer Komposition.‭ ‬Der Auskunft des Labels widerspreche ich hier nicht:‭ »‬The four interpretations are pleasingly disparate,‭ ‬with some plucking,‭ ‬some blowing and some striking amongst them.‭ ‬No more spoilers,‭ ‬other than to say that each interpretation is to these ears an extremely fine distillation of four fine individual artist’s recorded practices.‭«‬ (Kelly Jane Jones beispielsweise veröffentlicht sonst‭ ‬im Duo unter dem Namen‭ ‬Part Wild Horses Mane On Both Sides,‭ ‬die ebenfalls in jüngster Zeit zwei sehr schönen Tapes veröffentlicht haben‭ ‬– »Aulos‭’‬ Second Reed‭«‬ auf‭ ‬Tombed Visions und‭ ‬»Oh Sylvia‭«‬ auf‭ ‬Sacred Tapes,‭ ‬nicht zu verwechseln mit Sacred Phrases‭)‬.‭

pizza.jpgAber apropos aufwändige Präsentation‭ (‬und damit kommen wir langsam zum Ende‭)‬.‭ ‬In Saarbrücken sitzt mit‭ ‬Meudiademorte das Label von Pascal Hector,‭ ‬der nicht nur als Mitglied von Datashock elektronisch verfremdete Signale in den Äther sendet.‭ ‬Ein neues Band-Projekt von Hector heißt‭ ‬Pizza und die Debüt-Veröffentlichung der Formation‭ (‬ein Trio,‭ ‬wenn ich mich richtig erinnere‭) ‬kommt elegant im mattschwarzen Umschlag und zusammen mit einem DIN-A5-Heft ausfaltbarer Risograph-Kunstdrucke.‭ ‬In der Deluxe-Variante gibt‭ ‬es auch ein T-Shirt dazu‭! ‬Sehr kleidsam.‭ ‬Aber abgesehen vom Augenpulver:‭ ‬Das‭ ‬»Keynote-Mixtape‭«‬ alleine ist kurzweilig genug.‭ ‬Eine recht eigentümliche Mischung aus Jazz,‭ ‬Improv,‭ ‬Geräuschmusik und psychedelischer Elektronik.‭ ‬Ein hyperaktiver Hybrid.‭ (‬Vielleicht könnte der Schlagzeuger hier und da etwas langsamer machen,‭ ‬aber das findet sich vielleicht mit der Zeit noch.‭) ‬Zukunftsmusik,‭ ‬heute schon.‭ ‬Mal sehen,‭ ‬was da morgen kommt‭!

Zum Abschluss noch eine Veröffentlichung des Kölner‭ ‬SPAM-Labels.‭ ‬Dahinter steckt Ronnie Oliveras‭ (‬ebenfalls und unter anderem auch Datashock‭)‬.‭ ‬Mit der zuletzt erschienenen Veröffentlichung schießt Oliveras den Vogel ab,‭ ‬was den Geduldsfaden seiner potenziellen Kunden betrifft.‭ ‬»Representative Works‭«‬ von‭ ‬No Intention‭ (‬einem Projekt des Amerikaners Allen Mozek‭) ‬versammelt Gedichte und andere‭ ‬Spoken-Word-Beiträge aus Mozeks Feder und kommt zusätzlich mit einem ergänzenden Textheft (hier ein interessantes Interview von Mozek).‭ ‬Ich habe noch nicht‭ ‬herausgefunden,‭ ‬inwiefern Heft und die Beiträge auf der Kassette sich überschneiden.‭ ‬Das sehr lange Tape‭ (‬C60‭!) ‬bietet genug Stoff für mehr als einen Abend vor der Stereoanlage.‭ »‬Representative Works‭«‬,‭ ‬allerdings.‭ ‬Das macht Arbeit.‭ ‬Mit dieser herausfordernden Perspektive spricht der Bericht hier auch ab.‭ ‬Genug Stoff allemal.