Brannten Schnüre

»Muschelsammlung«

Vrystaete

Es quietscht eine Geige souverän knapp neben den Ton, und es irrlichtert ein Hackbrett durch eine kurze musikalische Skizze, die – angereichert durch allerlei nicht weiter identifizierbare Geräusche – im Ohr bleibt wie ein Traumfragment, das in den Tag hinein begleitet, und immer wieder spricht oder singt darin mit beinah tonloser Stimme oder in der Art, wie Kinderlieder gesungen werden, eine junge Frau rätselhafte, verträumt-melancholische Texte. Vieles könnte im Rahmen des ästhetischen Programms, das Brannten Schnüre verfolgen, misslingen. Inspiriert durch romantische, surreale und expressionistische Literatur und musikalisch ebenso blumig (in der Hauptsache Ambient- und Folk-Music-Collagen) orientiert, könnte man das Duo aus Würzburg mit beiden Beinen im Kitsch wähnen. Noch dazu haben sie die Nerven, Nietzsches Gedicht »Ecce Homo« zu vertonen, und der Name des Albums ist durchaus wörtlich zu verstehen, gehen die Titel der zwölf Lieder auf »Muschelsammlung« doch tatsächlich zurück auf Kosenamen, die Naturforscher im 18. Jahrhundert Muscheln gaben, die sie als ganz besonders schön empfanden. Klingt das in Summe nicht zu ausgedacht, zu konstruiert bzw. zu überspannt und folglich bestimmt nicht gut? Nein, ganz und gar nicht! In der Kombination geschichtsträchtiger Vorbilder verheben Katie Rich und Christian Schoppik sich erstaunlicher Weise nicht, und so erscheint Nietzsches bereits erwähntes, pathetisches Selbstzeugnis als Kinderlied, begleitet durch Blockflöte und Glöckchen: »Flamme bin ich sicherlich« – aber eben eher so, wie das Teelicht in der Martinszuglaterne. Wohlkalkulierte Brechungen, Bedeutungsverschiebungen und Akzentsetzungen bewahren das musikalische Projekt vor dem Sturz in die Lächerlichkeit oder dem Strebertum wild gewordener Oberprimaner. Dabei geht es – um dem möglichen Missverständnis vorzubeugen – zu 100 Prozent ironiefrei zur Sache. Einfache Distanzierungsgesten sind nicht Brannten Schnüres Sache. Voller Hingabe – gewissermaßen »Jenseits von Gut und Böse« – wird hier den eigenen Neigungen und Vorlieben gehuldigt – und als Zuhörer tut man gut daran, sich dieser gleichermaßen sentimentalen wie abgründigen Klangwelt vorbehaltlos zu überlassen. Der Abstieg in die im Dunklen liegende und hermetisch erscheinende Seelenlandschaft lohnt sich; sie erschließt sich in der Beschäftigung und gibt so nach und nach wenigstens ein paar Geheimnisse preis: Spuren von Leyland Kirbys The Caretaker finden sich darin ebenso wie Erinnerungen an Guy Maddins »Lawinen über Tölzbad« und Fragmente aus Theweleits »Männerphantasien« – Versatzstücke der eigenen Biographie, prägende Augenblicke wiederholend. Darin besteht der dialektische Kunstgriff: Brannten Schnüre zuzuhören, verführt dazu, in sich selbst (wieder) hineinzuhören. Die »Muschelsammlung«, egal wie sehr sie historisch aufgeladen oder gar vorbelastet sein mag durch Vorbilder, Referenzen und Zitate, eignet sich vor allem als Projektionsfläche für die eigene, subjektiv erfahrene Vergangenheit. Ob die Rückbesinnung aus Angst vor der Zukunft, mangels Interesse an der Gegenwart und/oder aufgrund selbstbewusster Standortbestimmung (bis hier hin und wie weiter?) erfolgt, das mag dahingestellt sein und ist in gewissenhafter Selbsterkundung zu klären. Hier ist der Soundtrack dazu.