Miranda Lambert

»Wildcard«

RCA Int./Sony Music Switzerland

Eine mithin sträflich unterschätzte Leistung der Liedermacherin oder des Liedermachers ist der Ausgang aus der selbst- oder fremdverschuldeten Traurigkeit. Es ist jedenfalls ein Leichtes, Heerscharen von jungen Songwriter*innen beim öffentlichen Leiden auf den Bühnen dieser Welt beizuwohnen. Es hält sich gemeinhin sogar der hartnäckige Mythos, dass sich bei akuten oder länger anhaltenden Glückszuständen kein gutes Lied schreiben ließe. Der amerikanische Country-Superstar Miranda Lambert hat definitiv gelitten und hätte allen Grund zur lauten und intensiven Wehklage. Ihre Scheidung von dem Musiker Blake Shelton, der das ausufernde Doppelalbum »The Weight of These Wings« folgte, wurde praktisch öffentlich unter massivem Medieninteresse ausgeschlachtet. Doch bereits dieses Album, obwohl die eine oder andere leiderfüllte Ballade nicht fehlte, war nicht die zu erwartende große Trauerplatte. Lambert, bis dahin bekannt für ihre Spitzzüngigkeit und ihren Humor, hatte ebenjene Eigenschaften auch angesichts dieser Situation nicht verloren. Jetzt legt die Texanerin, mittlerweile wieder glücklich verheiratet und neuerdings Teilzeit-New-Yorkerin, das Album »Wildcard« vor. Sie hatte dafür bereits kurz nach der Veröffentlichung des Vorgängeralbums, also bereits 2016, mit dem Komponieren begonnen und sich dann doch eine Auszeit gegönnt. Ihr näheres Umfeld hatte ihr Müdigkeit attestiert. Gut möglich aber, dass es eine vorwiegend künstlerische Entscheidung war und Lambert das Album von Anfang an als einen kraftvollen und vitalen ästhetischen und musikalischen Befreiungsschlag in Szene setzen wollte, der es nunmehr tatsächlich geworden ist.

In diversen Songwriting-Sessions mit vorrangig weiblichen Mitkomponist*innen und unter der erstmaligen Produzentenregie von Jay Joyce erarbeitet, ist es ein singuläres Ereignis im erweiterten Countrymusikumfeld, das Rock, Folk und Pop mittels einer leicht punkigen Attitüde auf virtuose Weise versöhnt. Vor allem befinden sich darauf aber brillante Songs, welche die für Breitenwirksamkeit notwendige Simplizität und Eingängigkeit mit außergewöhnlichen Klang-, Sound- und Songwriting-Entscheidungen kombinieren und kontrastieren. Es ist insgesamt ein wilder Ritt, bei dem man New-Wave-Einflüssen ebenso begegnet wie Hardrock-Elementen oder lupenreinen Country-Balladen der alten Schule, in denen über schummrige Bars sinniert wird. Einzigartig ist bei »Wildcard« zudem der dezidiert weibliche Blick auf amerikanische Männlichkeitsklischees, die im dortigen ruralen Kontext wohl noch immer fröhliche Urstände feiern. Lambert ist überaus selbstbewusst und lässt den Herren der Schöpfung auch schon mal ausrichten, dass sie heute garantiert niemand anderer mit nach Hause nehmen wird als der Tequila, der sie ohnehin mehr liebe als es sonst jemand je könne. Damit nimmt sie auch gleich die Country-Topoi gekonnt aufs Korn, die für die enge Verbindung dieser Musikspielart mit dem Alkohol verantwortlich sind. Von diesen und anderen Topoi emanzipiert sich das Album auf geradezu atemberaubende Weise, wahlweise mit textlicher Ironisierung oder mit musikalischer Waghalsigkeit. Eine hochmusikalische Meisterleistung!