Jóhann Jóhannsson

»Englabörn & Variations«

Deutsche Grammophon/Universal

Ein Album-Review, gleichzeitig ein Nachruf auf den am 9. Februar 2018 48-jährig in Berlin verstorbenen Komponisten, der auch Musiker und Filmemacher war. Seine Musik kannte wenig Grenzen, seine teils mit Preisen ausgezeichneten Film-Scores waren ergreifend und voller Gefühl und auch Pathos. Markenzeichen: erdrückende Schwermut. Diese untermalt auch Jon Wozencrofts Artwork von »Englabörn & Variations«. »Englabörn« (Touch, 2002), übersetzt »Engelskinder«, das erste Album Jóhannsons, ist ein Monat nach seinem Ableben, remastered von Francesco Donadello, neu erschienen und verdeutlicht sein schon in den isländischen Anfangsjahren grandioses Können. Mit Streichquartett, Percussion, Keyboards, Orgel, ein wenig Brass und sanften elektronischen Einsprengseln hat er die Bühnenmusik für »Englabörn«, ein Stück des isländischen Theatermachers Hávar Sigurjónsson, ausgestattet. Die Musik basiert auf einem drei Noten umfassenden Motiv, welches das eröffnende und schließende »Odi et Amo«, ein Gedicht von Catullus aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, umflort.

Den elegischen Ton treffen auch die Reworks seelenverwandter Komponisten auf CD 2. Aus der schlichten Eleganz des von aushallendem Pianogetupfe und von schluchzenden Streichern umrahmten »Jói und Karen« fertigt Ryuichi Sakamoto eine hingehauchte, gespensterhafte und doch opulente Version. Gut ausgeschmückt sind auch die Bearbeitungen von Viktor Orri Árnason, Alex Somers oder Hildur Guðnadóttir. Doch legen die Theater of Voices Versionen dar, dass Jóhannsson dem menschlichen Stimmorgan viel abgewinnen konnte. Insbesondere einer Synthese aus menschlicher Stimme und Instrumentalklang. Betörend schön gelingt ihm das in »Odi et Amo«, einem Co-Rework mit Donadello. Darauf spielt er eine Orgel, deren Klang Phrase für Phrase bei graduell abnehmender Tape-Geschwindigkeit manipuliert wird. Chris Sharp von 4AD hat übrigens mit Jóhannson das bemerkenswerte Album »IBM 1401, a Userʼs Manuel« initiiert. Darauf generiert der Riesen-IBM-Synhesizer-Vorläufer von Jóhannsons Vater aus gesprochenen Worten Prä-Autotune-Gesang. In den Liner Notes zitiert Sharp den englischen Romantik-Poeten William Wordsworth, um dem Klangkosmos von Jóhann Jóhannsson gerecht zu werden: »Mit rarer Anmut artikuliert ›Engelskinder‹ die stille, traurige Musik von Menschlichkeit (›the still, sad music of humanity‹).«