Irradiation

»Xeelee«

temp~ Records

Mit ihrem Temp-Label, das sie gemeinsam mit Digilog betreibt, ist Irradiation seit vielen Jahren ein fixer Bestandteil der Wiener Techno-Gemeinde. In den letzten Jahren ist es stiller um sie geworden, ihr letztes Album »Quantum Oscillations« liegt bereits sechs Jahre zurück. Die Beats sind in der Zwischenzeit oft nur mehr als Knistern im Hintergrund vernehmbar, denn mit »Xeelee« legt Irradiation ein richtiges Ambient-Album vor. Der von Science-Fiction-Literatur geprägte Pressetext ist geschenkt, düstere Zeiten liegen auch ohne Alien-Invasion vor uns. In der Science-Fiction-Gegenwart von COVID-19 ist »Xeelee« bestens kontextualisiert und bildet einen angemessen distanzierten Begleitsoundtrack für den CO2-induzierten Frühsommer im April. Das Uferschilf am Entlastungsgerinne glänzt unwirklich in der Sonne, als sich mit einem leisen Zischen der Sprühnebel einer Getränkedose auf das Handydisplay senkt. Darauf breitet sich »Xeelee« wie eine schwarze Wolke vom Displayrand her aus und beginnt, alles zu verschlingen. »Reality Dust« heißt eines der Stücke, das mich an Feinstaub, Mikroplastik und Insektensterben erinnert. Der Soundtrack entwirft Landschaften und eignet sich deren kaputte, unheimliche Natur sogleich an. Wie ein industrielles Weizenfeld, dessen endlose Leere plötzlich von Sound durchströmt wird. Ich habe selten etwas unheimlicheres gehört: »Xeelee« funktioniert als Soundtrack einer Gegenwart, die ihre eigene, dunkle Zukunft einzuholen scheint.