Carla Bley Trio

»Life Goes On«

ECM Records/Lotus

Die 81-jährige Grande Dame der Jazzkomposition ist nach einigen gesundheitlich schwierigen Jahren zurück mit einem Album ihres angestammten Trios mit Lebensgefährten Steve Swallow am Bass und Andy Sheppard am Saxofon. Mit dem trotzigen Titel »Life Goes On« stellt Bley klar, dass sie trotz allem immer eines tun wird: Komponieren und spielen. »Life Goes On« ist zugleich der Titel der vierteiligen Suite (die erste von dreien), die das Album eröffnet. Am Beginn steht ein einfacher Blues wie ein Fels in der Brandung, ein klares Statement. Die folgenden Titel »On«, »And On«, »And Then One Day« deklinieren wohl Bleys Sicht auf die Dinge ohne Gnade herunter. So nachdenklich, wie einen das stimmt, ist auch die Musik dieser Suite: Stoische Basslines der linken Hand am Klavier überlassen gerne Swallows trockenem Bass die Leadstimme, Andy Sheppard baut mal quietschend, mal säuselnd seine eigenen Ebenen und Gegenstücke darüber. Auf dem Cover der CD ist Bley am Klavier sitzend zu sehen, während sie halb entgeistert, halb belustigt einem davonfliegenden Stapel Noten nachblickt. So gehen sie also dahin, die Noten über die Weisheiten des Lebens. Ein Leben, das Bley wohl ausdrücklich gegen den Strich geht, ist jenes des US-Präsidenten Donald Trump, dem die zweite Suite namens »Beautiful Telephones« gewidmet ist. Jenes dreiteilige Werk hat die Band bereits bei ihrem Gastspiel 2016 im Porgy & Bess in Wien präsentiert und ebenso ist es nun auf dieses Album gekommen. Ein notenreicher, aber friedlicher Protest gegen den Twitter-Präsidenten, der die Welt via Smartphone herumkommandiert. Suite Nummer drei trägt den Titel »Copycat« und ist unterteilt in »After You«, »Follow The Leader« und »Copycat«. Bitterböse und enttäuscht glaubt man die drei Musiker*innen hier zu hören, musikalisch aber nach wie vor konkret und in typisch Bley’scher Manier verquer und unrepetitiv aufgebaut. Entstanden ist das Album im Mai 2019 im stets wundervoll klingenden Auditorio Stelio Molo des RSI in Lugano. Eine Halle, deren formidablen Raumklang Produzent Manfred Eicher bereits für viele seiner Aufnahmen genutzt hat (auch das heuer bei ECM erschienene Labeldebüt des Saxofonisten Oded Tzur wurde dort nicht minder wohlklingend eingefangen!) und die dem Sound dieses kammermusikalisch-engagierten Trios in eine transparente Klangwelt einbettet. Ein ganz großer Wurf der unaufhaltbaren Carla Bley auf einem Label, das ebenso wenig Altersschwäche zeigt wie die Künstlerin selbst.