Willi Resetarits © Magdalena Błaszczuk

Abschied von Willi Resetarits

Am 24. April 2022 verunglückte Willi Resetarits aka Ostbahn-Kurti tödlich. Seine musikalischen Projekte sind Legion und sein soziales wie politisches Engagement bleiben unvergessen. Mit skug verbundene Autor*innen ehren die Legende zu Lebzeiten, mit einem Vorwort von skug-Herausgeber Alfred Pranzl.

Ein Treppensturz riss Willi Resetarits am vergangenen Sonntag jäh aus dem Leben. Und geht als Riss durch die Wiener Musiklandschaft, die der begnadete Sänger und Entertainer auch als 73-Jähriger noch ungemein bereichert hat. Resetarits hatte Soul und vereinigte politische Haltung mit Schmäh und Leichtigkeit. Seine Bekanntheit und Umtriebigkeit verhalfen dem bekennenden Linken, sein soziales Engagement in die Tat umsetzen zu können. S.OS. Mitmensch und das Riesenprojekt Integrationshaus werden bleiben und einmahnen, was im neoliberalen Österreich keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Bei politischen Kundgebungen war er stets auf den Bühnen präsent, etwa beim Lichtermeer gegen die schwarz-blaue Regierung Anfang der Nullerjahre. Nicht zu vergessen die wichtige Rolle, die seine geniale Politfolkband Schmetterlinge bei der Besetzung der Wiener Arena 1976 innehatte.

Dank Günter Brödls Transfer von Lyrics US-amerikanischen Liedguts von Dylan bis Springsteen ins Wienerische verkörperte Resetarits überzeugend die Figur des Ostbahn-Kurti, die ihm wohl selber zu erfolgreich wurde. Wenngleich es Comeback-Konzerte mit seiner Chefpartie gab, so fühlte sich Resetarits sichtlich wohler in Konstellationen, die dem Jazz frönten (Album »Almost Blue« aus dem Jahr 2000 mit dem Quintett RP5 feat. Wolfgang Puschnig, Linda Sharrock!), oder wo er seiner Eigenschaft als Volksliedsänger nachgehen konnte, etwa in der Besinnung auf seine Wurzeln mit den burgenlandkroatischen Jungspunden BasBariTenori. Besonders am Herzen lag ihm auch die Erneuerung des Wienerlieds, insbesondere mit Walther Soyka, Hannes Wirth und Ernst Molden oder bluesiger mit seiner Kombo Stubnblues.

Seinen Lebenstraum konnte Willi Resetarits in der Sendung »Trost und Rat von und mit Dr. Kurt Ostbahn« (Radio Wien, 1995–1998) verwirklichen und darin seine Liebe zur Volksmusik und tröstlichen Klängen ausleben. Als Radioentertainer hatte er eine begnadet angenehme Stimme und fädelte eine Begegnung der Dudlerinnen Trude Maly und Luise Wagner samt Pepi Matauschek mit den Holmes Brothers ein oder ließ den Zauber des Raschofer Terzetts, Bewahrer des Innviertler Landlers, erklingen. Musiker*innen, die laut dem beseelten Gastgeber Dr. Kurt Ostbahn »hören, ob ein Herz dahinter ist«. »Ein wirklicher Musikant ist einer, der die Liebe zur Musik über alles andere stellt«, sagte Willi Resetarits in der posthum wiederholten Ö1-Menschenbilder-Sendung »Ich glaub’, ich bin der mit dem Glück«. Am liebsten habe er es, wenn es ganz still sei, und am zweitliebsten, wenn die Lieder traurig seien, heißt es darin. »Ich meine, dass der Franz Schubert gesagt hat, dass die schönen Lieder die traurigen Lieder sind … ich ahne, dass das traurige Lied einen hohen Grad an Trostpotenzial beinhaltet. Und dass man sozusagen durch eine Traurigkeit in einem Lied, sei es mit Text mit Traurigem oder sei es Instrumental, dass da etwas mobilisiert wird, was am Schluss zu etwas Tröstlichem führt. Dass man getröstet aus diesem Musikstück hinausgeht.«

Radio Wien wiederholt am 1. Mai 2022, Originalzeit 13:00 Uhr, ein Best of »Trost und Rat« aus dem Oktober 1995, doch nun ist es an der Zeit für die Kurznachrufe von skug-Autor*innen und mit skug Assoziierten.

Willi Resetarits © Magdalena Błaszczuk

Frank Jödicke, skug-Chefredakteur

Also mit Coverversionen von The Boss auf Wienerisch muss man sich erst mal auf die Bühne wagen. Was nach sicherem Absturz klingt, offenbarte das Unglaubliche: Gefühle aus New Jersey lassen sich in Wiener Pathos transferieren. »Kongenial« ist so ein vorsichtig zu benutzendes Wort, das in den Sinn kommt. Das Ganze war übrigens zugleich »The Great Rock’n’Roll Swindle« auf Wienerisch, weil zu Beginn einfach behauptet wurde, es gäbe eine großartige Band, die es gar nicht gab, und keiner in Wien sich traute, sich zum eigenen Nichtwissen zu bekennen. Siehe Karl Kraus’ »Die größte Sensation aller Zeiten«. So ist Wien eben. Deswegen sind so scheißcoole Hunde, wie Willi Resetarits einer war, ungeheuer wichtig und werden fehlen. Wer ihn traf, erlebte einen scharfen Typ. Einerseits lag in jedem Blick und Wort eine tiefe Herzlichkeit und zugleich war da wer, der immer ganz genau wusste, wo wir gerade im (politischen) Programm sind. Er argumentierte mit der scharfen Präzision eines Juristen vor Gericht, als Anwalt der Entrechteten und Marginalisierten. Dabei »lehrte« Willi Resetarits etwas scheinbar Einfaches: Das wenige, das sich in dieser Wöd bessern lässt, zu tun und es von ganzem Herzen zu lieben.

Christian König, Ex-skug-Autor, DJ, Musikmanager

Willi Resetarits ist tot. Ich fass es nicht. Gestern hat er mir am Flüchtlingsball noch ein Achterl eingeschenkt, wie wir mit Esrap über einen geplanten gemeinsamen Auftritt geredet haben. Und dann hat er über BB King und Soul philosophiert und wie ihn der junge Charlie Ratzer darauf gebracht hat und wie wichtig das für ihn war. So ein unglaublich charmanter und lieber Mensch und so uneitel bei dem, was der alles bewegt hat in seinem Leben. Wenigstens hatte er gestern noch eine gute Zeit. So traurig. (Facebook-Post vom 24. April 2022)

Stefan Koroschetz, skug-Autor

Zum ersten Mal live gehört habe ich Ostbahn Kurti und die Chefpartie ca. 1986 im Oberwarter OHO und war sofort angejunkt von der guten Energie und dem leiwanden Schmäh. Als Souvenir habe ich nach der Show vor lauter Begeisterung ein Konzertplakat (die »Liagn und Lochn«-Tour) von der Wand gerissen, das ich heute noch besitze. Fast noch mehr beeindruckte mich nicht viel später ein Gig beim Donauinselfest, nicht zuletzt, weil da sogar noch deutlich mehr auf die Volume-Tube gedrückt wurde. Das war nicht mehr »Favorit’n Blues«, sondern bester Rock’n’Roll. Zum richtigen »Chefhead« bin ich trotzdem nicht geworden. Es war nicht immer einfach, bei den vielen Veröffentlichungen seiner diversen Formationen (Ostbahn Kurti & Die Combo, Stubnblues etc.) auf dem Laufenden zu bleiben. Ein paar Alben aus der späteren Phase hatte ich auch die Ehre, für skug zu rezensieren.

Ein absoluter Höhepunkt war für mich die persönliche Begegnung mit Willi Resetarits im altehrwürdigen Gasthaus Birner an einem kalten Wintervormittag an der Alten Donau, wo ich gemeinsam mit G. Bus Schweiger ein launiges Interview führen durfte. Ich erinnere mich gut daran, dass Resetarits ganz ergriffen von seiner Freundschaft zu Townes Van Zandt erzählte, der sich tragisch zu Tode gesoffen hatte.

Mit Willi Resetarits ist am 24. April 2022 ein unglaublich herzlicher Mensch und beispiellos großer Sänger (das Timing!) von uns gegangen. Übertroffen wurde sein musikalisches und schauspielerisches Werk nur noch von seinem beispiellosen humanitären Engagement. Kurtologen dieser Welt, vereinigt euch!

Jenny Legenstein, skug-Autorin, Journalistin

Willi Resetarits war einer, auf den sich sehr viele einigen konnten, musikalisch und/oder als sympathischen Mitmenschen mit Zivilcourage. Die Nachricht von seinem Tod an diesem gloomy sunday, an dem rechtsextremistische Idioten einen ekelhaften Anschlag auf das Ute-Bock-Haus ausführten und die Wahlausgänge in Frankreich und Slowenien noch ungewiss waren, ließ Gegenwart und Zukunft in noch trüberem Licht erscheinen.

Über Jahrzehnte war er eines der Gesichter und eine der Stimmen des »guten Österreich« und noch viel länger Gesicht und Stimme im Austropop. Viele der Songs, ob Cover oder Volkslied oder Originalkomposition, mochte und mag ich. Dennoch war ich nie auf einem der Konzerte. Die Schmetterlinge – lang vor meiner Zeit. Ostbahn Kurti – cool, lustig, aber, wie Kollege Pontis schreibt, »Bierzeltmusik« oder halt die Zeltfestatmosphäre, die ich antizipierte und lieber fernblieb. Die Arbeiten mit Tini Kainrath und Sabina Hank nicht mitgekriegt. Davor, danach, daneben vieles Feines, aber halt auch reine Männerpartien. Und jetzt – endgültig zu spät.

Willi Resetarits ist nicht mehr – Integrationshaus bleibt! SOS Mitmensch – nicht forever, aber so lange Geflüchtete Schutz suchen!

Walter Pontis, (skug) Kritiker, Musiker, Ex-Roadie

Willi, thanks, dass ich dich in deiner inspirierendsten Zeit als Roadie begleiten durfte und so das »life on the road« in den Achtziger-Jahren bis 1992 miterleben konnte. Geißelte ich dich & die Chefpartie wegen eurer Bierzeltmusik zuweilen auch, so blieb unser Verhältnis doch stets sehr herzlich. Vorbild warst du mir als Humanist, künstlerisch schätzte ich dich als famosen Rock-Entertainer. Übrigens: Einen Tag vor deinem Unfall borgte ich einem Freund mit Migrationshintergrund das Buch »Kurt Ostbahn, Blutrausch« von Günter Brödl. Schließlich soll er ja mitkriegen, was hier so abgeht. 😉 Tschüü, Willi!

Bus Schweiger, »FAQ«- und skug-Autor, Eintrag zum Buchstaben O in der Serie La Passe

Ostbahn, Kurt: Gedankenkonstrukt von Günther Brödl. Der Legende nach gab es die ersten musikalischen Gehversuche bereits 1973. Im wirklichen Leben von Willi Resetarits dargestellt, der der Figur Gesicht und G’schichterln lieh. Mit von Brödl meisterhaft übersetzten Songs von Springsteen und Kollegen wurde Kurt Ostbahn zum österreichischen Popstar. Höhepunkt: Das Konzert am Ostbahn XI Platz. Nach dem Tod des Trainers Brödl schob Resetarits die Figur sanft und verantwortungsbewusst aufs Abstellgleis.

Lisa Wallerstein, skug-Autorin

Ein Lied!
Es wor amoi a Kurtl, es wor amoi a Kurt.
Der ane is vurgaunga, der aundre jetzt a fuat.
I denk jo, I mecht wettn, si treffn si boid duat.
Mit ana klan Restfetten, geht’s erna do daun guat?

Beide woan a Rockstah, und woitn kana sei.
Oba wos bewegn – jo des siachi ei.
I hettat earna beide des Lebm nu vagunnt.
Warums soi is a koana mir oafoch sogn kunnt.

Des wora hoit, da Kurtl, a richtig scheene Sö’.
Jetz‘ iss a wenga dumpa, net mehr a gaunz so hö’.