rhiz © Milena Košir Rantaša

Subkultur in der Corona-Krise #6

Das Konzert- und Clubleben in Österreich steht bis auf Weiteres still. Betroffen davon sind nicht nur Künstler*innen und Veranstalter*innen, sondern vor allem die Venues, deren Existenz teilweise auf dem Spiel steht. Wir haben Milena Košir Rantaša vom Wiener rhiz zum schriftlichen Interview gebeten.

Das rhiz in den Wiener Stadtbahnbögen ist seit über 20 Jahren eine Institution in der hiesigen Konzert- und Clublandschaft und nicht zuletzt eine Anlaufstelle für den Wiener Untergrund. Auch der Salon skug fand über die Jahre des Öfteren auf der heimelig kleinen, aber mit fettem Sound ausgestatteten Bühne des rhiz statt – zuletzt am 27. Februar 2020 mit Manu Louis und Pü. Damals war noch nicht klar, dass es bis auf weiteres unsere letzte Veranstaltung sein würde. Mittlerweile ist auch das rhiz wie viele andere Locations von den Einschränkungen aufgrund von COVID-19 betroffen. Milena Košir Rantaša hat uns einen Lagebericht gegeben.

Edit: Auch das rhiz hat jetzt eine Crowdfunding-Kampagne zur finanziellen Unterstützung gestartet. Wer helfen will, kann das hier tun.

skug: Welche Konsequenzen hat die Stilllegung des subkulturellen Konzert-/Clubbetriebs für das rhiz?
Milena Košir Rantaša: In diesem Moment wissen wir es nicht. So wie es bisher war, wird es so schnell nicht wieder sein, wenn überhaupt. Wir haben die Gefahr dieser Seuche von Anfang an ernstgenommen und waren uns der Verantwortung als Kommunikationsort hinsichtlich Verbreitung früh bewusst. Auch weil wir sogenannte »Hochrisikogruppen«, also alte bzw. vorerkrankte Leute, um die wir uns kümmern, in unserem nahen Umfeld haben. So kam es, dass wir eine der ersten Venues am Gürtel waren, die schon vor der gesetzlichen Notverordnung geschlossen hat. Nach den Berichten aus anderen Ländern hatten wir auch bald das Gefühl, dass es bis zum oder sogar über den Sommer hinaus dauern könnte. Für uns war klar, dass Musikclubs, die in der Nacht arbeiten, wohl die letzten sein würden, die wieder öffnen. Das hat sich mittlerweile auch bestätigt. Wann aber Live-Konzerte in intimer und intensiver Atmosphäre, für die das rhiz besonders steht, je wieder stattfinden können, wer kann das sagen? Sieht so aus, als ob wir uns wieder einmal neu erfinden müssen. Aufgeben wollen wir jedenfalls nicht.

Inwiefern ist das rhiz in Kontakt mit der MA 7, dem Kulturamt der Stadt Wien? Wird Schadensbegrenzung bzw. -wiedergutmachung angeboten?
In Bezug auf die Corona-Krise nicht. Generell habe ich das Gefühl, dass sich die Stadt auch jetzt nicht viele Gedanken und Sorgen um Live-Clubs macht, wie sonst auch.

Kurzarbeit für Beschäftigte an der Bar ist wohl nicht möglich, da keine finanzielle Substanz?
Bei uns arbeiten schon im Normalbetrieb alle in Teilzeit. Die überall propagierte Kurzarbeit haben wir uns genau angeschaut und im Team besprochen. Aus vielen Gründen war das letztlich keine Option. Zu wenig Einkommen ohne Trinkgeld. Es gibt auch nicht einmal 10 % bezahlte Arbeit, die wir bei null Einnahmen finanzieren könnten. Für die Zeit der Krise haben wir die Beschäftigungsverhältnisse mit einvernehmlicher Auflösung und Wiedereinstellungsvereinbarung sozusagen pausiert. Wo unsere Kolleg*innen es gebraucht haben, habe ich sie bei bürokratischen Verfahren, z. B. beim Antrag auf Mindestsicherung oder bei der Klärung von Fragen der Versicherung, unterstützt. Ich hoffe also, wir werden alle wieder zusammenarbeiten!

Miete muss das rhiz auch bezahlen. Diese war wohl erschwinglich? Wurde jetzt um Reduktion angesucht und gibt es Kulanz seitens des Vermieters?
Unsere Miete ist eigentlich nicht erschwinglich. Wir zahlen fast 25 Euro pro Quadratmeter und Monat – und das ohne die zusätzlichen Abgaben für Gastgärten, die sich in den letzten Jahren auch ca. verzehnfacht haben. Das macht uns immer zu schaffen! Wir zahlen doppelt zu viel wie manche andere am Gürtel. Und das, obwohl das rhiz eigentlich nicht auf Gewinn ausgerichtet ist und bei seiner Gründung von einer umfangreichen »Vergabekommission« zur Kulturnutzung für die Stadtbahnbögen ausgesucht worden ist. Nach der Empfehlung der WKO habe ich die Wiener Linien im März sofort um Mietzinsenentfall gebeten. Nach einiger Wartezeit kam dann eine umfangreiche juristische Antwort, dass man jetzt nicht antworten könne … Eine »Stundung« wurde aber gewährt, also man »borgt« uns die Miete erst einmal. Das heißt, im Moment ist es so, dass wir im Juli aus den Umsätzen, falls es dann überhaupt welche gibt, voll für die tote Zeit März, April, Mai, Juni zahlen müssen. Wir hoffen, dass da noch was anderes herauskommt, aber wir sind in voller Unsicherheit, weil ich auch selber dafür hafte. Ich fände es absurd, mit 100 % Ausfall bei den Einnahmen die Miete für fünf Monate für ein unbenutzbares Objekt an eine Firma zu bezahlen, die sowieso der Stadt Wien gehört. Es wäre auch absurd, falls es irgendwann doch eine öffentliche Förderung für uns gibt (wir haben bis jetzt noch gar keine Unterstützung bekommen), diese mühsam bürokratisch zu beantragen und dann wieder an die öffentliche Hand zu zahlen. Das müssen wir sicher noch weiter besprechen, falls sich wer Verantwortlicher findet, der mit mir darüber redet.

Gibt es soziale Ersatzprojekte seitens des rhiz? Künstler*innen leiden ja extrem unter der Erlahmung des kulturellen Lebens.
Das rhiz ist ein nicht kommerzieller Resonanzraum von Musikmenschen für Musikmenschen mit Herz. Das ist nicht ersetzbar. Als Betreiberin des rhiz sehe ich mich auf der Künstler*innenseite und auf Augenhöhe. Im Moment reißt mich die Situation auch genauso runter wie alle in der Szene. Wir gehen gemeinsam durch das alles und wir werden uns auch nur gemeinsam aus der ganzen Sache wieder rauswurschteln können.

Konzert- und DJ-Streams ins Wohnzimmer sind eine gute Möglichkeit, jedoch ersetzt das keineswegs den Sound, den eine gute P. A., wie jene im rhiz, hergibt. Verfolgst du gewisse Streams bzw. was hältst du von dieser alternativen Präsenz, die ja kaum Einkommen verschaffen kann?
Na ja. Das rhiz hat seine Konzerte mit Bild und Ton schon 1998–2000 live im Internet übertragen. Damals war das aber etwas anders als heute, glaube ich – es hatte was Utopisches und war irgendwie einzigartig. Heute, im Plattformkapitalismus und in der neoliberalen Aufmerksamkeitsökonomie, wird alles auf das Gleiche reduziert. Content halt, auf den ich klicken kann. Für mich ist das eine Entwertung der einzigartigen und einmaligen Sachen, die hoffentlich im Club passieren, mit dem Herzblut der Künstler*innen im Dialog mit unserem genialen Publikum. Bei DJ-Live-Streams spüre ich selber gar nichts. Das gibt mir kein Live-Gefühl. Die Tonqualität aus dem Computer kann ich auch nicht leiden. Und das Bild? Wenn ich in einem Club bin, schaue ich ja auch nicht die*den DJ an. Warum soll ich ihr*ihm jetzt von zuhause aus zuschauen? Allein bleibe ich ja trotzdem. Ich habʼ einfach mehr Respekt für die Live-Arbeit der Künstler*innen, die auf die Stimmung im Raum reagieren. Die Formatierung im Stream macht die Kunst, die wir so sehr lieben, runter. Es ist ein Paradox. Einerseits finde ich es ok, wenn sich die Leute auf diese Weise bemühen, wenn wir nichts anderes haben, klar. Aber das, was mir wichtig ist, kommt beim Streamen nur selten rüber. Und wenn es nur ums Geld geht, auch wenn es Künstler*inneneinkommen ist, bin ich eigentlich nicht mit dem Herz dabei. Trotzdem gibt es auch für mich sehr positive Beispiele im Netz. Das berührende Musikvideo zum neuen Lied »Irgendwann« über die jetzt leeren Live-Clubs von The Bassenger zum Beispiel. Oder die sehr zur Situation passenden Lieder von Die Strottern. Ganz besonders liebe ich den Film/Mix »Mug Dub« unseres beinahe Resident international Superstars DJ Marcelle. Sie vermisst ihre Reisen und erinnert sich mit Hilfe ihrer (großen!) Kitsch-Andenken-Trinkbecher-Sammlung an die Orte, an denen sie gerne war. Jedes Häferl gibt einen eigenen Sound, den sie in einem Dub Mix zum Klingen bringt. Sie hat im Online-Medium eine Präsenz geschaffen, wo mein Herz für die Kunst mit ihr schlägt. Das ist aber eben kein Streaming, sondern eine echte kreative Produktion. Made with love & care!

Eine Planung für die Zukunft ist schwierig, zu hoffen ist, dass es spätestens im September wieder losgehen kann. Wie läuft die Kommunikation mit Acts/Artists/Managements?
Wir sind natürlich in Kontakt. Weil wir kein Geld mehr haben und unentgeltlich arbeiten müssen, habe ich jetzt selber das Booking übernommen, das sonst bei uns Sophie macht. Mit manchen Veranstalter*innen telefoniere ich, wir teilen unseren Jammer oder ermutigen uns gegenseitig, mit anderen schreibe ich. Wir bemühen uns, die Normalität unserer Tage aufrecht zu erhalten, indem wir Termine von März auf Mai, von Mai auf Juli und von Juli auf September verschieben. Es ist ein bisserl wie ein Spiel, mit dem wir uns gegenseitig auch aufmuntern. Aber in Wahrheit weiß niemand, wie es werden wird. Wir alle müssen unsere Arbeitsweise neu überlegen, weil die Idee, möglichst viele Leute für ein Konzert anzuziehen, sich nicht grade richtig anfühlt. Wie gesagt, wir müssen uns wohl alle neu erfinden, und nicht nur in der Frage, wo wir das fehlende Geld herkriegen, sondern auch, wie wir miteinander umgehen wollen, wie achtsam wir für die Gesundheit von allen sind und wie wir es schaffen, dass niemand zurückgelassen wird.

Wie ist also die Buchungslage im Herbst und wie optimistisch bist du?
Es ist, wie gesagt, sehr dynamisch. Ich möchte hier meinen Wunsch äußern, das der Gürtel die Chance nutzt und wieder als Kulturmeile dasteht. Wenn ich mir eine Visualisierung erlaube: Leute sitzen in Ruhe im Garten/Bar/Bühnenraum, glücklich, weil sie Freund*innen oder neue, interessante, likeminded Menschen getroffen haben. Glücklich, dass sie mit Kellner*innen reden können, die sich auch für die Musik interessieren, die alle zusammenbringt. Sie tratschen endlos über neue und alte Bands und coole Konzerte. Sie streiten über Reviews von ausgefallenen Releases aus dem »Wire« und freuen sich, dass der*die DJ grad so schöne Musik auflegt. Sie lesen den »Falter« und wollen, dass wir nicht nur den alten gesellschaftlichen Schmarren wieder »hochfahren«, wie die Regierung immer sagt, sondern uns eine Welt machen, wie sie uns gefällt. Und sie brauchen sich nicht zu fürchten, dass sie grad was Großes und Wichtiges verpassen, weil sie selber wichtig genug sind. Wir könnten uns ja vornehmen, achtsam miteinander umzugehen! Wir sind schon längere Zeit mental für einen Neuanfang bereit.

Danke für das Interview und alles Gute!
Danke für die Fragen! Endlich habe ich mir Zeit genommen, mit einem Kaffee in der Sonne zu sitzen, mich zu entspannen und mit guter Musik in Hintergrund zu überlegen, was mir wichtig ist. Ganz ohne Selfies! Auch Dir alles Gute, Alfred, und dem ganzen skug-Team. Wir sehen uns wieder!

Link: https://rhiz.wien/
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