Tanz Baby!

»Staub oder Stern«

Geco

Das zweite Album ist der Prüfstein für das Potenzial einer Band. Und – das soll ruhig gleich verraten werden -Tanz Baby! haben diese Hürde souverän genommen. Dass David Kleinl und Kristian Musser plötzlich politische Agitation betreiben oder esoterischen Schwachsinn verbreiten würden war eh nicht anzunehmen, und so wird wieder mit Hingabe das vermutlich wichtigste Thema der Menschheit verhandelt: die LIEBE! Oder genauer: das Verliebt-Sein, welches von der Wissenschaft schon länger als vorüber gehender pathologischer Zustand entzaubert wurde, der letztlich nur dem Zweck der Paarung und Reproduktion dient. Jetzt kommt dieses Verliebt-Sein aber einem länger andauernden, leichten Rauschzustand gleich – wie der Effekt einer Droge – dem immer wieder nachgejagt werden muss. Nicht der »lange, ruhige Fluss« der so genannten erwachsenen Liebe (mit allen sozialen Implikationen) ist befriedigend, sondern der schnelle Kick des Umgarnens und Flachlegens. So weit – so theoretisch. Und nichts liegt mir ferner als den beiden Musikern in ihrem wirklichen Leben solches Verhalten zu unterstellen. Was aber die hauptsächlich von Musser geschriebenen, eskapistischen Texte betrifft, scheint es meistens eher darum zu gehen. Was auch nachvollziehbar ist, wäre doch die Zufriedenheit, die längerfristige Liebe im besten Fall erzeugen kann, für Poptexte schlicht zu langweilig! Niemand will schnarchiges Gebrabbel über trautes Heim und stilles Glück hören. Im Pop (und sogar im Schlager, dem Tanz Baby! nahe steht) ist die Achterbahn des Lebens gefragt, die Taschenoper, die maximale Verdichtung der Ereignisse. Wenn die eigene, kümmerliche Existenz diese Sensationen schon nicht bietet, möchte man zumindest im Rahmen einer Performance identifikatorisch am spannenden Liebesleben teilhaben. Dabei ist der Ironiefaktor bei Tanz Baby! geringer als man auf den ersten Blick annehmen möchte. David »Ich war immer schon eine Rampensau« Kleinl sieht im gelackten Crooner mit Rose im Knopfloch, den er auf die Bühne stellt, eine bis zur Kenntlichkeit verzerrte ?berhöhung der eigenen Persönlichkeit, und keine totale Kunstfigur. Die von einer Bontempi-Orgel angetriebenen Stücke mit ihren minimalistischen Texten tragen dem Thema entsprechend an die Bambis erinnernde Titel wie »Keine sagt Liebe wie du«, »Komm mit mir« oder »Abhauen«, und werden vom musikalischen Impressario Musser in wunderbar arrangierte Stücke gegossen. Mit effektvoller, akzentuierter Instrumentierung (sehnsüchtige Trompeten, Discobeat, NDW, die Drums am Ende von »Und dann bleib ich«??) gelingt es dem studierten Musiker, den jeweils passenden musikalischen Teppich für den Gigolo Kleinl auszurollen. So klappt der nicht einfache Spagat zwischen musikalischem Anspruch und hohem Unterhaltungswert ohne ?berdehnung bravourös.