Razen

»Blue Rot«

Hands in the Dark

Brecht Ameel und Kim Delcour – der musikalisch feste Kern von Razen – haben ihr Duo für die Aufnahmen von »Blue Rot« um Berlinde Deman und Thomas Bloch erweitert, die auf dem neuen Album Serpent (ein schlangenförmiges Blechblasinstrument) und Glasharmonika spielen. Hinzu kommen die Flöten von Kim Delcour sowie Monochord und Harmonium von Brecht Ameel. An der ungewöhnlichen, mithin antiquiert erscheinenden Instrumentierung erkennt man bereits, dass das Quartett auch auf »Blue Rot« wieder jene ungewöhnliche – genauer: aus der Zeit gefallene – Musik spielt, die Razen so einzigartig und unverwechselbar erscheinen lässt. Die fünf instrumentalen Kompositionen muten altertümlich an, gleichen musikalischen Exerzitien und sind Ausdruck tiefer Konzentration aufs musikalische Material bzw. großer gegenseitiger Aufmerksamkeit aller Musiker*innen aufeinander. Lässt man sich als Zuhörer*in auf diese ruhig fließenden, aber niemals oberflächlichen Klänge ein, so gerät man selbst leicht in einen der Welt entrückten Zustand. Dass Musik solche Kräfte entfalten bzw. in Musiker*innen und ihrem Publikum wecken kann, ist kein Geheimnis. Versenkung, Ekstase, Trance – kurz: geistig-körperliche Ausnahmezustände – gehören zum Bestand der historischen Erfahrungen von Musik, die den zeitgenössischen oder popkulturellen Rahmen überschreiten. Aus dieser Beschreibung zu schließen, die Musik von Razen hebe aufgrund ihrer Struktur und der Instrumentierung, ein antimodernes Element in sich auf, ist sicher nicht unzutreffend. Diese Musik steht im radikalen Gegensatz zur Erfahrung einer Gegenwart, die Stille kaum mehr als Erfahrung bereithält. Ebenso zutreffend (und bedeutsamer) ist es aber, die minimalistischen Kompositionen von Razen als aufs Wesentliche konzentrierte Musik zu hören; als Musik, die ihren historischen Kontext überschreitet und sowohl die Musiker*innen als auch ihr Publikum der Gegenwart enthebt, weil – ganz im Ernst – die spartanische Klangarchitektur, das Verhältnis der einzelnen Töne zueinander und zur Stille, die sie umgibt – daraus resultiert eine beinahe makellos zu nennende Schönheit: nicht von dieser Welt!