Perfume Genius

»Set My Heart On Fire Immediately

Matador

Mike Hadrias alias Perfume Genius bleibt mit seinem fünften Album »Set My Heart On Fire Immediately« (»SMHOFI«) spannend. Der in einem Vorort von Seattle aufgewachsene Sohn griechischer Einwanderer schafft es, sein Werk behutsam, aber doch entschieden auszudifferenzieren. Von den verhuschten Songskizzen am Klavier mit dezenter Knusperelektronik der ersten beiden Alben über das schon kräftiger anpackende »Too Bright« (2014) mit dem grandiosen Glampop-Song »Queen« über das catchy optimistische »No Shape« von 2017 bis zu »SMHOFI« war es ein weiter Weg. Inzwischen ist der 40-jährige Sänger und Komponist seit Jahren in Los Angeles ansässig und zur queeren Galionsfigur, die auch andere queere Musiker*innen fördert, gereift. Kein Nachteil für Hadrias war auch die Veröffentlichung eines Essays des  vietnamesisch-amerikanischen Literatur-Shootingstars Ocean Voung, der mit seinem Roman »On Earth We’re Briefly Gorgeous« (2019) für Aufsehen sorgte, über Hadrias und sein aktuelles Opus. Beeindruckend ist bereits die enorme stilistische Vielfalt des rezenten Songzyklus. Dieser beginnt mit dem bittersüßen »Whole Life«, einem der berührendsten Songs des Albums. »Half of my whole life is gone / Let it drift and wash away / It was just a dream I had« singt Hadrias auf den Spuren von Roy Orbison zu Wabber-Keyboards, dass es einem*einer schon beinahe Freudentränen in die Augen treibt. Als regelrechtes Kontrastmittel fungiert darauf »Describe«, eine verirrte Grunge-Ballade mit Backgroundgesang und langem, atmosphärischem Outro. »Without You« ist lupenreiner Chamber-Pop als lockeres Singalong, gefolgt vom mysteriösen »Jason«, das emotional stark aufgeladen im Falsett gesungen und von Streichern, Cembalo und elastischem Bass umschmeichelt eine Liebesszene einfängt, in der am Ende sogar Humor aufblitzt: »I stole 20 dollars from his blue Jeans / I’m pretty sure he saw me«. Um innere Zerrissenheit und deren Kanalisierung in intimer Körperlichkeit dreht es sich im fast schon Discoknaller »On the Floor«, der gar ein wenig an Madonnas »True Blue« erinnert (die Eighties sind wieder da!). Zu dem Song gibt es auch ein Video, in dem man den auffällig durchtrainierten (wegen Tanztheatererfahrung) und ölverschmierten Hadrias im Tanzduett mit einem zweiten Mann sieht. Das sehr expressive Setting wird dabei gebrochen durch schunkelige Musik und den emotionalen Text: »The rise and fall of his chest on me / I’m trying but still it’s all I see«. Einen mehr als würdigen Abschluss macht »Borrowed Light« mit seinen Fender-Rhodes-Tupfern und einem unvermittelten Ende. Zurück bleibt mensch mit offenem Mund ob der riesigen Range im Stil und Instrumentierung sowie des unglaublich differenzierten Gesangs. Perfume Genius vermag mit diesem Album das eh schon sehr hohe Level von »No Shape« mindestens zu halten, wenn nicht sogar zu übertreffen, mit seinen raffiniert gesetzten Arpeggios und den aufgetürmten, meist weichen Synthsounds. Maßgeblich mitverantwortlich für die tollen Sounds sind Blake Mills von Alabama Shakes und Hadrias’ Lebensgefährte und zugleich Keyborder in seiner Band, Adam Wyffels. »SMHOFI« ist grandios sophisticated im besten Sinn produziert und berührt Hirn und Körper gleichermaßen. Mehr und besser geht kaum bei dieser kathartischen Tour de Force zum offenen, brennenden Herzen!