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Nischen/Leckerbissenrundschau Austria feat. David Helbock

Kein Anspruch auf Vollständigkeit, ich sage es gleich. Aber wenn der Herausgeber mit zwei Jutesäcken voller CDs hereingestürmt kommt und raunt »Das rezensierst du jetzt auf der Stelle und bei Wasser und Brot!«, dann ist Schadensbegrenzung das Motto. Man lehnt ab, was man kann – und fügt sich schlie&szliglich doch in sein Schicksal. Was folgende CDs eint, ist ihre Herkunft und ihr aus freien Stücken gewähltes Nischendasein: jazzige, experimentelle oder einfach schräge neue Musik österreichischer Soundartisten, das ist das Motto.

Wir starten mit einem leicht verdaulichen Aperitif. Auf »Jetset Suite« (Listen Closely) von MALLINGER, SCHRAML, HEINZLE wird mit Violine, Gitarre und Doppelbass schrill geschrammelt, mal zünftig, mal ins weltmusikalische reinspielend, meist aber grandios swingend. Äu&szligerst sympathisch wurmt sich das ins Ohr, so dass man sich am Ende gar nicht mehr fragt, zwischen welchen Stühlen diese Wiener jetzt eigentlich musizieren.

Viel eindeutiger zuzuordnen ist »Panto« (Listen Closely) von WERNER ZANGERLE. Die CD präsentiert uns ein ausgereift wirkendes Jazzquartett bei der entspannten Improvisationsarbeit. Das sanfte Tenorsaxophon von Zangerle erinnert ein wenig an Charles Lloyd, gro&szligartig relaxed spielt auch Matthias Löscher an der Gitarre. Trotzdem waren in letzter Zeit doch eine Menge derart astreiner Hardbop-Blaupausen zu hören, mehr Gegenwartsbezug wäre durchaus kein Fehler gewesen. Und weil wir schon beim Thema sind: Ebenfalls Jazz vom traditionell Feinsten schenkt uns PETER LENZ mit seiner Band SILENT FLOW auf »It Is But It’s Not« (Unit Records / Harmonia Mundi). Der recht junge Grazer Drummer zeichnet auch als Komponist und Arrangeur verantwortlich, was sich nicht zuletzt an der gedimmten Besetzung mit Posaune, Vibraphon und E-Gitarre zeigt. Es geht dementsprechend in eine leicht prog-rockige Jazzecke, was ja durchaus trendy ist (zumindest in Skandinavien) und insgesamt sehr stimmig klingt. Nur ein bisschen fetziger hätte die Sache vielleicht noch werden können.
Wir bleiben in Graz, in der Improvisationsecke, wechseln aber ins expressiv-freie Fach. Auf »Lightning & Thunder« (Einklang Records) veranstalten die Sängerin KATJA CRUZ und der Percussionist HOWARD CURTIS genau das, ein Gewitter aus Tönen, mal erdig-samten, mal quengelnd und jauchzend. Tonfarbenfroh ist das anzuhören, aber eben doch sehr einschlägig.
martina_cizek_index.jpgNoch einschlägiger gibt sich die Doppel-CD »gebrauchs/gut. Oberfläche.« von Autorin SUSANNE TOTH und Klangwerkerin MARTINA CIZEK. Wir hören eine Art vertonte Lesung, was wohl vor allem literarische HörerInnen mit Hang zum verhalten Surrealen anspricht. Mich allerdings weniger, aber das ändert sich jetzt schlagartig:
Auf »Purple« (Traumton Records) macht der gebürtige Feldkircher DAVID HELBOCK das, was Jazz angeblich einzig am Leben erhält: er interpretiert zeitgenössischen Pop – und zwar ausschlie&szliglich von Prince. Und das macht der Pianist so variantenreich, verspielt und überraschend, dass es wirklich eine Art hat. Man versteht auf Anhieb, warum der Mann mit Preisen regelrecht überhäuft wurde … und hofft, dass man ihm bei der nächsten CD ein zeitgemä&szliges Artwork gönnt.
Wir bleiben bei der hohen Kunst: »Neue Musik für 3 Zithern« (Idyllic Noise) von GREIFER, einem heimischen Zithertrio, verspricht im Titel nicht zu viel und keinesfalls zu wenig. Gro&szligartig die Auswahl der Stücke, famos die Umsetzung, variantenreich und ebenso überraschend der Hörgenuss. Gro&szliges (Zithern-)kino für die Ohren wird hier geboten, ein Leckerbissen!
Wir enden, da wir mit einem Aperitif begonnen haben, mit einer Nachspeise: »We Should Get Rid Of Our Saxophone Player« (Noise Appeal/Hoanzl), der zum Teil in Graz beheimateten Noiseband AUTOMASSAGE, passt vermutlich am wenigsten in dieses Sammelsurium. Wir hören manchmal fast indiepoppige Anklänge, dann wieder astreines Noisegetümmel. Das gefällt ganz gut, wird aber doch auch nur Bewohner einschlägiger Nischen ansprechen. Unglaublich jedenfalls, das lässt sich nach dieser kurzen Rundreise sagen, wie viele Nischen in Üsterreich höchst vitale Lebenszeichen von sich geben. Wenn es eine Geheimwaffe gäbe, die einen Massenexodus aus dem harmonieverseuchten Mainstream auslösen könnte, ich würde sie ohne Bedenken einsetzen. Hört diese Musik, Leute! Jetzt aber muss ich ein ernstes Wörtchen mit dem skug-Herausgeber reden …

Curt Cuisine’s review collection: »Jazz Mit welchen Wegen zur Begeisterung?«