The Hillard Ensemble / Christoph Poppen

Morimur - J. S. Bach

ECM

Das geschäftige Treiben rund um des Meisters 250. Todestag, die Flut an wenig inspirierten Neueinspielungen haben schwerlich verbergen können, dass die interessantesten Zugänge zum Werk J. S. Bachs heute wohl kaum mehr von den etablierten Ensembles, auch nicht den auf Alte Musik spezialisierten, geleistet werden. Wie musikalisches Potential neu entfacht werden kann, hat ja letztes Jahr, und das soll hiermit noch mal kräftig hervorgestrichen werden, der »Außenseiter» Uri Caine mit seiner epochalen Adaption der »Goldberg Variationen« (Winter & Winter) vorgeführt, die in ihren spielerisch-komplexen Strukturen die Essenz des Bachschen Klangkosmos um nichts weniger klar zu Gehör brachte, als dies etwa ein Glenn Gould mit ganz anderen Mitteln zu leisten vermochte. Auf den ersten Blick vielleicht nicht so exzeptionell angelegt, aber nicht minder wirkungsmächtig präsentiert sich ein Bach-Projekt des Labels ECM, das im September 2000 in den klöstlichen Gemäuern von St. Gerold realisiert wurde. Angeregt durch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, wonach Bachs rhythmischer Notierung gewisse Zahlenkombinationen unterlegt seien, die wiederum auf gewisse geistliche Texte verweisen, taten sich der Geiger Christoph Poppen und das Hilliard Ensemble zusammen, um des Großmeisters musikalisch-mathematische Geheimsprache zu entschlüsseln. »Morimur« beschreibt dabei ein essentielles Moment christlicher Heilslehre, den Übergang in ein ganz anderes Leben, und unterstreicht nachdrücklich die zentrale Rolle, die der Tod bei Bach einnimmt. Die Wirkung jedenfalls, die dieser Versuch auslöst, die Partita d-Moll BWV 1004 ihrem herkömmlichen Kontext der sechs Kompositionen für Solo-Violine zu entreißen und sie mit eindringlichen Choralzitaten (wie »Christ lag in Todesbanden«) zu verschränken, bleibt nicht aus: bei zu geringer Bodenhaftung ist metaphysisches Abdriften garantiert.