Fletcher Tucker

»Unlit Trail«

Adagio 830

Fletcher Tucker lebt in Big Sur, Kalifornien, einem Küstenstreifen zwei Stunden südlich von San Francisco. (Zur weiteren Lektüre: »be sure to wear some flowers in your hair«.) Aufgenommen wurde das vorliegende Album allerdings in Schweden, ebenfalls an der Küste. Wo ist da jetzt der Zusammenhang, wenn nicht an den mit Blumen bekränzten Haaren herbeigezogen? Geduld, Geduld, ich bin ja schon mittendrin, es ist nur nicht so einfach. Wo anfangen? Noch mal zurück bzw. weiter: Kalifornien. Ein spätestens seit 1966 popkulturell mythisch verklärter Landstrich. Ich war nie da, aber manchmal erliege ich dem Eindruck, mich dort trotzdem heimisch zu fühlen. Mein »Kalifornien im Kopf« ist bevölkert von erleuchteten Hippies und anderen Freaks – mit allem, was historisch an New-Age-Scharlatanerie und anderem (auch heilsamem) Wahnsinn damit verbunden ist. Von UFO-Sichtungen über Father Yod bis hin zu Alice Coltranes Sai Anantam Ashram. Der amerikanische Religionswissenschaftler Erik Davis hat mit »The Visionary State: A Journey Through California’s Spiritual Landscape« einen kommentierten Fotoband zum Thema veröffentlicht, aber das führt zu weit bzw. ins Zentrum der vorliegenden Platte, aber sprengt trotzdem den Rahmen. Trotzdem soll der umständliche Einstieg hier nicht abschrecken, sondern dem vorschnellen Eindruck vorbeugen, Fletcher Tucker habe mit »Unlit Trail« bloß irgendein Räucherstäbchen-kompatibles Singer-Songwriter-Album vorgelegt. Denn Fletcher Tucker ist nicht nur Musiker (und Betreiber des Gnome Life Labels), sondern auch Umweltaktivist und spirituell – wie soll ich sagen? – weit draußen (in der Natur) bzw. doch ganz bei sich und auch bei Trost. 2018 war er auf Tour in Europa, das Harmonium und die frohe Botschaft, in einigen Monaten seiner ersten Vaterschaft entgegenzusehen, im Gepäck. Jetzt ist die berechtigte Frage, warum muss man das wissen? Weil die Musik von Fletcher Tucker unverschämt intim ist. Allerdings nicht in dem Sinne, dass hier jemand Nabelschau betreibt – und im kitschigsten Fall Lieder für noch ungeborene Kinder singt. Zum Glück nicht. Aber die bisher umrissene Gemengelage soll helfen, die Platte nicht nur angemessen einzuordnen, sondern auch die Gefühlslage oder – besser – die geistige Landkarte im Ansatz nachzuvollziehen, die diese Aufnahmen dominiert: Fern von Zuhause knistert im schwedischen Wäldchen das nächtliche Lagerfeuer und es entsteht eine pantheistisch-musikalische Meditation – so bedeutungsschwanger müssen wir hier schon werden – über das angeknackste Verhältnis von Mensch und Natur, eine kryptische, sehr persönliche Platte, die gewissermaßen als eine invertierte, dunkle, minimalistische Folk-Variante von Eden Ahbez’ »Eden’s Island« erscheint. Die Natur und der Mensch in ihr beinahe verloren (Stichwort »Klimakatastrophe«, Coltranes Ashram fällt mehr oder weniger zeitgleich zu Tuckers Lagerfeuer-Sessions den jährlichen Waldbränden in Kalifornien zum Opfer), und doch geht das Leben weiter, kommt ein neues Leben in Fletcher Tuckers Welt, wenn er nach Kalifornien zurückgekehrt sein wird … Das Kind ist mittlerweile geboren, die Platte wird veröffentlicht – die Welt steht nicht still, die Zukunft liegt dunkel und unbestimmt am Horizont.