Emma Ruth Rundle

»EG2: Dowsing Voice«

Sargent House

Sich den eigenen Ursprüngen zuzuwenden, kann zu unabsehbaren Ergebnissen führen. 2011 veröffentlichte Emma Ruth Rundle, damals noch in drei Post-Rock-Bands eingespannt, aber ohne Unterstützung eines Labels, erstmals eigene Stücke: ein Ambient-Album namens »Electric Guitar One«. 2022 folgt der zweite Teil. Doch inzwischen ist die Amerikanerin zum Vorzeigekind des Folk Noir avanciert und hat das vielleicht beste Grunge-Album der letzten Jahre herausgebracht. Kann Rundle nach einer derart illustren Karriere dort weitermachen, wo sie vor elf Jahren aufgehört hat? Nein. Von »EG1« übernimmt »EG2« lediglich die meditativen Improvisationen auf der Gitarre. Aber war der erste Teil eine Übung in Minimalismus, ist sein Nachfolger eine experimentelle Mythopoesis. Sein Horizont ist durch kryptische Songtitel symbolisiert, die allesamt auf Orte oder Figuren keltischer Mythologie anspielen. Folgt man ihnen, scheint Rundle in »EG2« eine Geschichte zu entwerfen, in der Brigid, Göttin der Geburt und der Dichtung, ihre Stimme verliert und wiederlangt. (Zu meiner Enttäuschung dürfte es sich nicht um eine Meerjungfrau handeln.) Dieser narrative Anspruch macht die Ambient-Gitarre zu einem Strukturelement unter anderen. Zum einen ergänzt Rundle sie mit plastischer Sound-Art, die mythische Höhlen und Bergspitzen evoziert. Zum anderen bedient sie sich zweier Gesangstechniken. Den Großteil des Albums untermalt Caointeoireacht: ein – historisch rekonstruierter – Trauergesang, der der Sage nach von Brigid erfunden wurde. Doch jene narrativen Einheiten, wo die Göttin stimmlos ist, sprengen den keltizistischen Rahmen. Hier belfert Rundle mit einer Kehlstimme à la Tanya Tagaq. Es sind solche avantgardistischen Einschläge, die »EG2« gegen Nostalgie in Stellung bringt. Wenn es sich mythologischen oder biographischen Ursprüngen zuwendet, dann im Wissen, dass diese unzugänglich sind. Wenn es an Rundles erstes Soloalbum anknüpft, dann dadurch, dass es ohne echten Vorgänger ist.