Micatone

»Wish I Was Here«

Sonar Kollektiv

Sie lullt mich ein, die soulig-samtige Weichspülerstimme von Lisa Bassenge. Durch die Orgel im Hintergrund habe ich das Gefühl einen Zeitsprung gemacht zu haben. Wir befinden uns am Beginn der 1960er Jahre und ich bin in einem Film von Norman Panama mit Musik von Robert Farnon. Ebenso gut könnte ich auf einer Hollywoodschaukel sitzen und die kitschige Vorstadtidylle zu Beginn eines diffusen Psychodramas von Sofia Coppola genie&szligen. Alles ist möglich am Anfang dieses Albums und es bleibt so; zeitlos und gepflegt unterhaltend, ganz nach der Manier welche die momentane Jazz-Generation zur Angewohnheit hat. Was nicht jede Band dieser Strömung aus der experimentellen Modern-Jazz Gegend hat, ist Lisa Bassenge. Die deutsche Jazz-Sängerin mit Tiefgang ist das Herz der Berliner Nu-Jazz-Band Micatone, welche nach sieben Jahren in bewährter Konstellation das Album »Wish I Was Here« aufgenommen hat. Es sollte ein wenig weg vom elektronischen Studio-Sound gehen und unvergänglicher werden. Ein bisschen Lo-Fi oder Kammerpop und eigentlich wollte Micatone sowieso in die Singer/Songwriter-Schiene, anstatt Clubsound zu produzieren. Gesagt getan. Aufgenommen wurde daher zum Gro&szligteil per Live-Einspielung, das Orchester wurde bereichert um Orgel, Discostreicher, Harfen und Waldhörner – auch um das ganze Projekt purer zu gestalten als die Vorgänger-Alben aus dem Sonar Kollektiv-Fundus. Die Synthesizer der Nachbearbeitung fehlen natürlich auch diesmal nicht. Dazu gibt es ein paar Gäste wie den sonst so kooperationsscheuen Stuart A. Staples der britischen Alternative-Pop-Band Tindersticks, sowie Earl Harvin, der langjährige Drummer von Air, welcher auf einigen Nummern partizipieren durfte. Der Calexico-Multi-Instrumentalist Martin Wenk, der gelegentlich mit allerhand Persönlichkeiten von Nancy Sinatra, The Frames oder Feist tourte oder zumindest schon mal spielte, rundet das Gesamtbild mit Mariachi Trompeten und neapolitanischen Mandolinen ab. Verschiedene Stilistiken finden sich in diesem Album wieder und eine Weiterentwicklung der Protagonisten zu vorherigen Projekten soll sich abzeichnen. Lisa Bassenge, deren Stimme auch wunderbar auf Deutsch swingt, war in den letzen Jahren bei vielerlei internationalen Musikprojekten aktiv und gab sich unter anderem ein Stelldichein bei Bossa Nova-Artist Nicola Conte und Soul- und R&B-Sänger Xavier Naidoo. Bei Live-Auftritten und ihrer aktuellen Solo-Platte »Nur Fort« vertonte sie Ilse Werner genauso wie ihr, aus ihrer Sicht unterschätztes, Vorbild Hildegard Knef. Paul Kleber, welcher als Kontrabassist nicht so viel Wind um seine Person macht, begleitet sie stets bei gemeinsamen Eigenkompositionen. Ihn findet man unter anderem bei Gruppen wie Jazzanova oder JazzIndeed. »Wish I Was Here« ist das vierte Album dieser Formation mit Boris Meinhold an der Gitarre, Tim Kroker am Schlagzeug und Sebastian Hagen Demmin am Keyboard. Man darf diese Produktion getrost gepflegte Unterhaltungsmusik mit tiefgehenden englischen Lyrics und jazzaffiner Instrumentalisierung nennen. Und es ist eine hübsche Soul-Elektro-Chanson-Jazz-Blues-Fusion geworden, welche, bereichert um liebevolle Stilelemente, in der Tat der Zeit entgegen schmeichelt.