Verflohmarktete Empirie der Uchronik

Das Instrument sieht aus wie ein auf den Kopf gestellter, verbeulter Wok (dieser Vergleich ist für KulinarikerInnen) oder wie ein UFO-Modell eines trashigen C-Movies (dieser Vergleich ist für CineastInnen, die auf Ed Wood klopfen) und harmoniert prächtig mit Bassklarinettenklängen.

Die Rede ist vom Hang (und wer hat’s erfunden?), nachzuhören und -spüren auf der CD/DVD »Living Room Colouring Book« (Sessionworkrec) der beiden Musiker CHRISTOPH PEPE AUER und MANU DELAGO. Auch beim oftmaligen Hören der Audio-CD »Coloring Book« stellt sich zum Glück kein Hang-Over ein, eher eine klare Vision verschwommener Bratapfel-Glückseligkeit. Auf der DVD »Life In Rooms« spielen die beiden in sieben verschiedenen Räumlichkeiten und betonen ihr komödiantisches Talent auf zum Teil selbst bebastelten Toy-Instrumenten wie dem Pepephon. Dazwischen geben sie im Interview Einblicke in ihr handwerkliches Schaffen. Hands up for the Hang.

Von harmlos harmonischen Harmonien, die freigeistig durch die Lüfte tragen, zu erdschweren, dreckigen Tango-Taumeleien, die hinterrücks zu Boden drücken. Der Teufel steckt im Tango-Detail, den die Gebrüder Maurice und Cesar Amarante gemeinsam mit dem Trommler Jonathan Burgun an dunkle Weinkeller-Wände lautmalen. RADIKAL SATAN betreiben auf »El Vieno Del Este, Agua Como Peste« (Urquinaona Records) verworrenen, weingetränkten Exorzismus und bedienen sich geweihter Werkzeuge wie Kontrabass, Akkordeon und Schlagwerk. Diffuser Doom-Tango lädt zum Umtrunk mit Untoten, Toten und Lebendigen, um bei delirierten Sound-Séancen dem Widerhall verschwebender Lebenskraft zu lauschen.

Wo sich Utopie und Uchronik gute Nacht sagen betreiben THE ERRORISTS ihre Unwesen-Experimente. Im Trial-and- Error-Verfahren ranken sich ihre »Gardener Songs« durch exaltiere Post-Pop-Geröllhalden. Der nicht enden wollende Gedankenstrom von dem New Yorker Sänger und Collagen-Künstler Hilary Koob-Sassen wird von dem deutschen Cellisten Andreas Köhler usurpierend umsponnen, gemeinsam winden sie sich durch einen eklektisch-existenziellen Human-Being-Humus, sorgen für veritable Vertikulierung und schaffen einen anmutig-nuancenreichen Nerd-Nährboden. Das Wort ist Filtrat, um das Übergegensätzliche ahnbar zu machen und den Ohren das Denken zu lehren.